„UK workers are showing they don’t want to wait for permission to use generative AI.“ Der Satz stammt von Hayley McKelvey, Chief AI Officer bei Deloitte UK. Er beschreibt etwas, das in vielen Unternehmen längst passiert ist, ohne dass es dort offiziell angekommen wäre. Eine neue Auswertung des Beratungsunternehmens zeigt: 63 Prozent der britischen Beschäftigten nutzen generative KI für ihre Arbeit.
Ein erheblicher Teil läuft an der offiziellen IT vorbei. 31 Prozent verwenden die Werkzeuge ohne Wissen des Arbeitgebers, 17 Prozent zahlen mindestens ein Abo selbst. Zusammen kommen sie auf rund 958 Millionen Pfund, die sie aus eigener Tasche für ihre Arbeit ausgeben. Wie es um die KI-Nutzung in Unternehmen steht, verraten die Strategiefolien also nicht. Eher die Kreditkartenabrechnungen der Mitarbeiter.
Für dieses Muster gibt es ein brauchbares Bild: Beschäftigte, die ihren eigenen Akkuschrauber zur Baustelle mitbringen. Nicht aus Trotz, sondern weil sie mit dem Gerät, das der Betrieb stellt, nicht rechtzeitig arbeiten können. Und wer sein eigenes Werkzeug mitbringt, entscheidet auch selbst, wofür er es einsetzt. Das ist Schatten-KI.
Was die Deloitte-Zahlen zeigen
Die Erhebung teilt die Nutzung in mehrere Kanäle. 46 Prozent der Befragten greifen zu kostenlosen KI-Tools, 34 Prozent nutzen externe Angebote, die ihr Arbeitgeber bezahlt, und 17 Prozent arbeiten mit intern entwickelten Lösungen. Die Gruppen überlappen sich, weil viele Beschäftigte mehr als ein Werkzeug parallel verwenden. Die einzelne Zahl ist weniger wichtig als die Richtung: Generative KI ist am Arbeitsplatz angekommen, bevor die meisten Unternehmen Regeln dafür hatten.
Auch das Verhältnis von offizieller und inoffizieller Nutzung sagt etwas. Ein knappes Drittel der KI-Nutzung findet ohne Wissen des Arbeitgebers statt. Das ist nicht automatisch Missbrauch. Es heißt zunächst nur, dass tatsächliche und dokumentierte Nutzung auseinanderfallen — und dass jede Risikoanalyse, die auf Freigaben und Freigabelisten beruht, ins Leere läuft.
Der eigene Werkzeugkasten: Warum Mitarbeiter KI-Tools selbst bezahlen
Die Motive für private Abos sind selten technischer Natur. Es sind Fristen. Wer bis Freitag eine Auswertung abgeben soll, hängt nicht drei Wochen in einem Freigabeprozess für Software, sondern bucht das Werkzeug für 20 Euro im Monat und arbeitet. Die Wartezeit zwischen Bedarf und Bereitstellung ist in vielen Häusern größer als der Betrag, um den es geht. Dort entsteht Schatten-KI: nicht als Angriff auf die IT, sondern als Umgehung von Wartezeiten.
Das zweite Motiv liegt offener zutage: Qualität. Kostenlose Versionen haben Grenzen, die man im Arbeitsalltag schnell merkt. Die bezahlte Variante eines KI-Tools verarbeitet längere Texte, antwortet schneller und liefert brauchbarere Ergebnisse. Wer generative KI für die Arbeit einsetzt und dabei an diese Grenzen stößt, zahlt lieber selbst, als auf eine Freigabe zu warten.
Das Werkzeug bleibt dann auch privat. Rechnung, Konto und in der Regel die Datenhoheit liegen beim Mitarbeiter. Für das Unternehmen heißt das: Die Arbeit wird erledigt, aber niemand weiß genau, womit. Der Handwerker hat geliefert — nur hat die Bauleitung nie gesehen, welcher Bohrer im Einsatz war.
Warum viele die Nutzung verschweigen
23 Prozent der Befragten nehmen an, dass ein Stigma an der KI-Nutzung hängt; 64 Prozent sorgen sich, ihre Vorgesetzten könnten glauben, KI könne ihre Arbeit erledigen. Diese Furcht ist rational. In Unternehmen, in denen KI vor allem als Rationalisierungsprojekt besprochen wird, ist es keine gute Idee, laut zu sagen, dass man einen Teil der eigenen Aufgaben bereits automatisiert hat. Wer schweigt, schützt seinen Arbeitsplatz.
Zwei Drittel der Befragten sagen außerdem, ihrer Organisation fehle überzeugende Führung beim Thema generative KI. Das erklärt die Schatten-KI besser als jedes andere Ergebnis. Wo nicht klar ist, was erlaubt, was erwünscht und was verboten ist, entscheidet jeder für sich — und richtet sich nach dem, was die Aufgabe verlangt, nicht nach dem, was das Unternehmen will.
Wofür generative KI genutzt wird
Die drei häufigsten Anwendungsfälle sind unspektakulär. 43 Prozent nutzen KI-Tools zum Suchen von Informationen, ebenfalls 43 Prozent zum Formulieren von E-Mails, 31 Prozent zum Erstellen von Zusammenfassungen. Alltagsarbeit: Text, Recherche, Verdichtung. Für diese Tätigkeiten hätte bisher niemand eine eigene Abteilung bezahlt.
Fast die Hälfte der Befragten gibt an, nie eine formale Schulung zum sicheren und wirksamen Einsatz von KI erhalten zu haben. Paul Lee, Partner und Leiter der Industrieanalyse bei Deloitte UK, formuliert es so: „The story here isn’t that workers are using GenAI, it’s that they are using it despite limited training, patchy guidance and, in some cases, without their employer’s knowledge.“ Übersetzt: Die Geschichte ist nicht, dass Beschäftigte KI nutzen, sondern dass sie es trotz begrenzter Schulung, lückenhafter Vorgaben und teils ohne Wissen des Arbeitgebers tun.
Lee weist zusätzlich darauf hin, wie schnell generative KI Alltag geworden ist und wie einfach ihre aktuelle Rolle bleibt. Das klingt harmlos. Die Risiken fangen genau hier an — nicht weil die Aufgaben komplex wären, sondern weil in diesen einfachen Aufgaben die Geschäftsdaten stecken.
Risiken, die niemand sieht
Das britische National Cyber Security Centre (NCSC) hat erst kürzlich davor gewarnt, dass Unternehmen gegen nicht genehmigte KI-Nutzung vorgehen müssen. Genannt werden Datenlecks, der Verlust von geistigem Eigentum und die Gefahr, regulatorische Anforderungen zu verfehlen. Die Begründung ist knapp und schwer zu widerlegen: „You cannot manage what you do not know.“
Übersetzt heißt das: Man kann nicht steuern, was man nicht kennt. Wer nicht weiß, welche Tools mit welchen Kundendaten gefüttert werden, kann weder Datenschutz zusagen noch Haftung begrenzen. Die private Bezahlung macht es nicht besser, sondern schlechter, weil sie den Vorgang aus jeder Firmenrechnung heraushält — und damit aus jedem Audit.
Böswillig handelt dabei kaum jemand. Die Mitarbeiter erledigen ihre Arbeit. Der Schaden entsteht durch Sichtbarkeit, nicht durch Absicht: Was in einem privaten Abo passiert, taucht in keiner Richtlinie, keiner Voreinstellung und keinem Protokoll auf.
Was Unternehmen tun können
Hayley McKelvey von Deloitte UK zieht aus den Zahlen eine praktische Konsequenz. Unternehmen müssten ihren Leuten helfen, generative KI verantwortungsvoll zu nutzen, und zwar mit einem klar formulierten und allgemein verstandenen Ziel. Das heißt: klarmachen, warum KI im Betrieb eingesetzt werden soll, wie sie genutzt werden darf und woran Erfolg gemessen wird. Erst dann, so ihre Argumentation, entscheiden sich Beschäftigte bewusster und gehen Risiken kontrollierter an.
Der zweite Hebel ist schlichter, als es klingt: Bereitstellung. Wenn die Firma ein Werkzeug stellt, das sofort funktioniert, verschwindet der Anlass, ein privates zu buchen. Verbote allein lösen nichts, weil sie das Bedürfnis nicht beseitigen — sie verschieben es nur in den unsichtbaren Bereich. Ein Freigabeprozess, der zwei Wochen dauert, ist gegen ein Abo für 20 Euro im Monat chancenlos.
Die Deloitte-Studie zeigt nicht, dass Mitarbeiter heimlich KI lieben. Sie zeigt, dass sie ein Arbeitsmittel gefunden haben, das ihre Aufgaben schneller erledigt — und dass die Unternehmen mit der Bereitstellung nicht hinterherkommen. Schatten-KI am Arbeitsplatz ist damit weniger ein Disziplinproblem als ein Lieferproblem. Solange die Firma nicht liefert, liefert der Mitarbeiter selbst. Und zahlt dafür.
Quelle: itpro.com
