Du suchst nach einem gestohlenen Gegenstand in einem Gebäude. Der Besitzer sagt: „Ich habe keinen Schlüssel, der Tresor ist zu schwer zu öffnen, und das wäre eine Verletzung der Privatsphäre meiner Gäste.“ Dann findest du heraus, dass er längst einen eigenen Schlüssel besitzt und den Tresor mehrfach geöffnet hat – nur um dich daran zu hindern. In dieser Lage befinden sich Nachrichtenverlage im Rechtsstreit mit OpenAI, dem Unternehmen hinter ChatGPT.
Seit Monaten läuft ein juristischer Kampf zwischen OpenAI und einer Gruppe von Nachrichtenorganisationen unter Führung der New York Times. Die Verlage werfen OpenAI vor, urheberrechtlich geschützte Artikel ohne Erlaubnis für das Training von ChatGPT genutzt zu haben. Kernfrage: Darf eine KI geschützte Inhalte nutzen, ohne das Urheberrecht zu verletzen? OpenAI beruft sich auf die Fair-Use-Doktrin. Die Verlage sprechen von Diebstahl.
Die entscheidenden Beweise sind die ChatGPT-Logs – Aufzeichnungen der Gespräche zwischen Nutzern und Chatbot. In diesen Logs könnte sich zeigen, dass ChatGPT ganze Passagen aus Artikeln wiedergibt („Regurgitation“). Können die Verlage nachweisen, dass die KI systematisch komplette Texte ausspuckt, wäre das ein starkes Indiz für eine Urheberrechtsverletzung und Marktschädigung. OpenAI hofft, dass die Logs das Gegenteil belegen: seltene und fragmentierte Wiedergabe, also transformativ und fair use.
Genau hier liegt das Problem. Von Beginn an behauptete OpenAI, es sei technisch unmöglich, die Logs in großem Umfang zu durchsuchen – zu teuer, zu zeitaufwendig, gefährde die Privatsphäre. Auf dieser Grundlage erzwangen Openais Anwälte eine stark eingeschränkte Stichprobe: Nur 20 Millionen Logs wurden den Klägern zur Verfügung gestellt, und diese waren so stark geschwärzt, dass sie praktisch unbrauchbar waren. Das Gericht nannte die Daten später offiziell „unusable“.
Dann kam eine Enthüllung. Während einer zweiten Vernehmung des OpenAI-Privacy-Ingenieurs Vincent Monaco – laut Gerichtsakten „schlecht vorbereitet“ – räumte er ein, dass OpenAI sehr wohl große Log-Mengen durchsuchen kann. Das Unternehmen hatte vor Beginn des Rechtsstreits zwei Datensätze erstellt: einen mit 10 Millionen und einen mit 78 Millionen Logs. Diese wurden sogar nach Inhalten der New York Times durchsucht, um einen Filter gegen das Ausspucken geschützter Texte zu entwickeln. Den Klägern wurden diese Datensätze nie mitgeteilt, obwohl sie entscheidend für den Fall sind.
Die Nachrichtenverlage reagierten scharf. In einem Sanktionsantrag vom vergangenen Woche werfen sie OpenAI vor, über Jahre gelogen und Beweise versteckt zu haben. Die Verheimlichung der 78-Millionen-Log-Daten sei keine Verzögerungstaktik, sondern bewusste Täuschung. Die Kläger fordern „schwerwiegende Sanktionen“: Das Gericht soll OpenAI verbieten, die bereits übergebenen 20 Millionen Logs als Beweismittel zu verwenden. Zudem soll festgestellt werden, dass die verheimlichten Logs eine „erhebliche“ Menge an urheberrechtlich geschütztem Material enthalten. Schließlich soll die Jury angewiesen werden, dass OpenAI Milliarden von Logs gelöscht hat, obwohl eine gerichtliche Verfügung zur Aufbewahrung aller Daten bestand.
Ein OpenAI-Sprecher wies die Vorwürfe zurück und nannte den Sanktionsantrag einen verzweifelten Versuch der Verlage, mehr Daten zu erzwingen und damit die Privatsphäre von Nutzern zu verletzen. Die New York Times habe kürzlich Klagepunkte fallen gelassen, was auf eine schwächelnde Klage hindeute. Die NYT widersprach: Man habe die Klage lediglich gestrafft und um Microsoft als Mitbeklagten ergänzt. Das Büro von Ian Crosby, dem führenden Anwalt der Verlage, erklärte, OpenAI habe nicht nur Logs versteckt, sondern auch die Kosten für die Discovery in die Höhe getrieben – ein Mittel, um Gegner zu ermüden.
Was bedeutet das für den Ausgang des Falls? Juristisch könnte dieser Schritt fatal für OpenAI sein. Die Fair-Use-Verteidigung hängt stark davon ab, ob die KI den Markt der Verlage schädigt. Zeigen die Kläger, dass ChatGPT systematisch ganze Artikel wiedergibt und Abonnements ersetzt, ist eine Marktschädigung klar. Die versteckten Logs könnten genau das belegen. Indem OpenAI den Zugang blockiert hat, weckt es den Verdacht, etwas zu verbergen. Ein Gericht könnte dies als „spoliation of evidence“ werten – vorsätzliche Vernichtung oder Verheimlichung von Beweismitteln. Mögliche Sanktionen reichen von Geldstrafen über Beweislastumkehr bis zum Ausschluss von Beweismitteln. In extremen Fällen könnte der Richter ein Urteil zu Ungunsten von OpenAI fällen.
Für die KI-Branche ist der Fall ein Warnsignal. Viele Unternehmen trainieren ihre Modelle mit Internetdaten ohne klare Lizenzen. Bislang galt die Hoffnung auf Fair Use als Rechtfertigung. Unterliegt OpenAI – und sei es aufgrund von Verfahrensfehlern – könnte das die Rechtslage grundlegend verändern. Verlage würden gestärkt daraus hervorgehen und Lizenzgebühren fordern. KI-Modelle müssten entweder nur auf lizenzierte Daten zurückgreifen oder nachweisen, dass sie keine geschützten Inhalte reproduzieren.
Dazu kommt ein grundsätzliches Problem: Das Vertrauen in die Transparenz von KI-Unternehmen ist bereits angeschlagen. Wird ein führender Player wie OpenAI dabei ertappt, Beweise zu verheimlichen und Logs zu löschen, wird die Forderung nach staatlicher Regulierung lauter. Die EU hat mit dem AI Act bereits einen Rahmen mit Transparenzpflichten geschaffen. In den USA könnte der Fall den Druck auf den Gesetzgeber erhöhen, ähnliche Regeln zu erlassen.
Technisch ist die Sache klar: Die Logs sind die einzige objektive Quelle, um zu prüfen, was ChatGPT tatsächlich tut. Ein Unternehmen, das KI als Black Box vermarktet, darf sich nicht wundern, wenn das Rechtssystem diese Box öffnen will. Die Analogie mit dem verschlossenen Tresor bleibt: Wer so vehement gegen Einsicht kämpft, wirkt schnell schuldig.
Die nächsten Wochen zeigen, wie das Gericht auf den Sanktionsantrag reagiert. Stuft es Openais Verhalten als „eklatant“ ein, könnte der Rechtsstreit eine dramatische Wende nehmen. Für die Nachrichtenverlage wäre das ein Sieg der Transparenz. Für die KI-Branche ein Weckruf: Wer mit fremden Inhalten arbeitet, muss offenlegen, wie und in welchem Umfang. Ein Unternehmen, das auf das Verstecken von Beweisen setzt, spielt ein riskantes Spiel.
Quelle: arstechnica.com
