Heute Morgen meldete Monday.com die Entlassung von Hunderten Mitarbeitern. Eine Schlagzeile, die erst einmal befremdlich wirkt. Das Unternehmen ist eines der erfolgreichsten israelischen Software-Unternehmen, bekannt für seine farbenfrohen Boards, mit denen Teams Aufgaben, Zeitpläne und Workflows verwalten. Der Schritt ist kein plötzlicher Absturz, sondern eine bewusste Neuausrichtung. Monday.com will sich künftig ganz auf seine KI-Plattform konzentrieren – und nimmt dafür einschneidende Kürzungen in Kauf.
Insgesamt werden rund 630 Stellen gestrichen, das entspricht etwa 20 Prozent der gesamten Belegschaft. Offiziell will man ein „schlankeres, fokussierteres Betriebsmodell“ unterstützen. Die Botschaft dahinter: Monday.com hat die Strategie geändert. Anfang des Jahres stellte das Unternehmen seine „AI Work Platform“ in den Mittelpunkt. Kein bloßes Add-on, sondern eine komplette Neugestaltung. Die Plattform umfasst einen No-Code-App-Builder, einen anpassbaren KI-Agenten, ein Workflow-Automation-Tool und einen Chatbot, der Berichte generiert und Dashboards aktualisiert.
Die Idee: Der KI-Agent erkennt automatisch, wenn ein Meilenstein gefährdet ist, und schlägt Korrekturmaßnahmen vor. Reports entstehen aus Rohdaten, ohne dass jemand eine Zeile Code schreiben muss. Diese Vision erfordert eine Verschiebung der internen Ressourcen. Wo bisher viele Menschen für Support, Vertrieb und traditionelle Entwicklung zuständig waren, entstehen neue Rollen in KI-Entwicklung, Datenwissenschaft und Modelltraining. Die Entlassungen sind die Kehrseite dieses Pivots.
Das Phänomen ist kein Einzelfall. Die Tech-Branche erlebt 2026 eine Welle von Entlassungen. Allein in diesem Jahr wurden bereits über 122.000 Stellen abgebaut, wie die Plattform Layoffs.fyi dokumentiert. 78 Prozent der Unternehmen geben als Grund an, ihre Anstrengungen auf KI auszurichten. Monday.com reiht sich ein in eine Liste großer Namen, die Personal abgebaut haben, um Kapital für KI-Investitionen freizusetzen. Ein Goldrausch: Die Firmen kaufen schwere Maschinen für KI und entlassen dafür Arbeiter.
Die Restrukturierungskosten beziffert Monday.com auf 45 bis 55 Millionen US-Dollar. Eine Summe, die im Verhältnis zum Umsatz verkraftbar erscheint. Dennoch bleibt die Frage, ob der Schritt kurzfristig mehr Schaden anrichtet als Nutzen bringt. Die verbleibenden Mitarbeiter werden mehr Verantwortung tragen müssen. Reibungsverluste und sinkende Moral sind reale Risiken. Auf der anderen Seite zwingt der Wettbewerb zu dieser Entscheidung: Wer heute nicht massiv in KI investiert, läuft Gefahr, in zwei Jahren irrelevant zu sein. Monday.com hat sich für den aktiven Weg entschieden – auch wenn er durch ein Tal der Tränen führt.
Für Nutzer der Plattform bedeutet das: In den kommenden Monaten werden neue Funktionen erscheinen. Die AI Work Platform wird vermutlich zur primären Benutzeroberfläche. Gewohnte Boards und Automatisierungen bleiben erhalten, ergänzt durch intelligente Assistenten. Ob das gelingt, hängt von der Qualität der KI-Integration ab. Monday.com hat den Vorteil einer starken No-Code-Philosophie – die Schwelle, KI-Features zu nutzen, ist niedrig.
Ob der Schritt sich auszahlt, wird die Zukunft zeigen. Die Entlassungen sind schmerzhaft, vielleicht aber notwendig. Ein Schiffsumbau: Die Mannschaft wird um ein Fünftel reduziert, während modernere Navigationssysteme eingebaut werden. Der Wind weht aus Richtung KI. Monday.com hat den Kurs gewechselt. Ob die neue Crew aus Menschen und Maschinen harmonisch zusammenarbeitet, bleibt abzuwarten.
Die Reaktion der Börse und der Analysten ist verhalten optimistisch. Die Aktie zeigte sich nach der Ankündigung stabil. Dennoch: 630 Menschen verlieren ihren Job. Monday.com war noch vor einem Jahr eine Wachstumsperle. Das macht es für die Betroffenen nicht leichter. KI wird oft als Heilsbringer gefeiert, aber sie verursacht auch menschliche Kosten.
Was bedeutet das konkret für die Zukunft? Monday.com wird sich weiter in Richtung einer KI-gesteuerten Work-Plattform entwickeln. Traditionelles Projektmanagement, CRM und Automatisierung verschmelzen. Vielleicht schlägt bald ein KI-Agent vor, welches Board du öffnest, basierend auf deiner aktuellen Aufgabe. Das kann Produktivität steigern – aber auch ein Gefühl der Kontrollabgabe erzeugen. Monday.com positioniert sich als Vorreiter, ähnlich wie Salesforce oder Microsoft. Der Unterschied: die unternehmenseigene No-Code-DNA, die den Einstieg erleichtert.
Für die Tech-Branche ist der Schritt ein weiterer Beleg dafür, dass der KI-Boom nicht nur neue Arbeitsplätze schafft, sondern auch alte vernichtet. 2026 könnte als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem viele Tech-Unternehmen realisierten: Sie müssen sich neu erfinden – oder untergehen. Monday.com hat gehandelt. Ob der schlanke, KI-zentrierte Ansatz aufgeht, wird sich in den nächsten Quartalen zeigen.
Monday.com geht einen mutigen, aber riskanten Weg. Die Entlassungen sind der Preis für eine Zukunft, die noch nicht geschrieben ist. Der Fall zeigt, wie schnell sich Prioritäten in der Tech-Welt verschieben können. Vor zwei Jahren sprach noch niemand von KI-Agenten als Teammitgliedern – heute baut ein ganzes Unternehmen seine Strategie darauf auf. Was Monday.com heute macht, könnten morgen auch andere Tools tun.
Quelle: techcrunch.com
