Du verfolgst seit Jahren ein Sportteam. Du kennst die Spieler, die Taktik, weißt, worauf es ankommt. Dann, an einem Tag, wechseln Kapitän und Trainer, die halbe Startaufstellung kündigt. Genau das passiert gerade bei Google DeepMind. Die Führungsetage der wichtigsten KI-Abteilung des Konzerns hat sich innerhalb weniger Stunden neu aufgestellt. Demis Hassabis, langjähriger Kopf von DeepMind, wird Vorsitzender und Chief Scientist von Alphabet. Koray Kavukcuoglu übernimmt die operative Leitung. Jeff Dean, eine Legende der KI-Forschung, verlässt Google mit drei weiteren Top-Leuten, um ein eigenes Unternehmen zu gründen. Ein ehemaliger Google-Mitarbeiter (2014–2022), der sich intensiv mit KI-Prognosen beschäftigt hat, versucht nun, die Zukunft dieses neuen Googles einzuordnen. Seine Schlussfolgerungen: Der Talentabgang ist weniger schlimm als befürchtet, aber der Rückstand in der KI-Spitze ist größer als gedacht.
Die große Rochade bei Google DeepMind
Am 5. August wurde die Neuorganisation offiziell. Demis Hassabis tritt als CEO von Google DeepMind zurück und übernimmt den neuen Posten des Chief Scientist bei Alphabet, der Muttergesellschaft. Gleichzeitig wird er Vorsitzender des Aufsichtsrats von DeepMind. Das Tagesgeschäft führt nun Koray Kavukcuoglu, Senior Vice President, der direkt an Sundar Pichai berichtet. Bemerkenswert: DeepMind war bisher eine eigenständige Einheit mit eigenem CEO. Jetzt ist es nur noch eine SVP-Abteilung wie viele andere. Dazu kommt der Abschied von Jeff Dean, dem wohl berühmtesten Ingenieur der Google-Geschichte. Zusammen mit Sanjay Ghemawat, Oriol Vinyals und Quoc Le – allesamt Schwergewichte der KI-Forschung – gründet er das Unternehmen Discovery Loop. Diese Firma will wissenschaftliche Forschung automatisieren. Google finanziert sie und liefert Rechenleistung über Google Cloud.
Der ehemalige Google-Mitarbeiter, dessen Analyse auf seiner Website steht, beschreibt, wie er selbst mit Jeff Dean zu tun hatte. Jeff hätte auf technische Anfragen mit unglaublich komplexen Lösungen geantwortet, sagt er. Diese Anekdote zeigt, wie prägend Dean für die Ingenieurskultur bei Google war. Kein Wunder, dass die Aktie von Alphabet nach der Ankündigung um rund fünf Prozent fiel – eine Marktkapitalisierung von etwa 200 Milliarden Dollar. Der Autor glaubt jedoch, der Markt ziehe die falsche Schlussfolgerung. Die Kursschwäche habe weniger mit den Personalien zu tun, sondern mit der Erkenntnis, dass Googles KI-Modelle nicht mehr an der Spitze stehen und Gemini 4 womöglich erst viel später erscheint als erhofft.
Warum Gemini 4 erst 2027 kommen könnte
Wann kommt das nächste große Modell? Der Autor hat dazu verschiedene Prognosen erstellt, basierend auf internen Informationen und Branchenwissen. Seine mittlere Schätzung: Gemini 4 wird am 15. Mai 2027 verfügbar sein, also in über einem Jahr. Ein Launch 2026 liegt außerhalb seines 80-Prozent-Vertrauensintervalls. Das weicht deutlich von den üblichen Branchenerwartungen ab, die oft von Ende 2026 ausgehen. Warum? Das Pre-Training für Gemini 4 habe erst Ende Juli 2026 begonnen – auf dem größten Rechenbudget, das Google je aufgewendet hat. Frontier-Modelle dieser Größenordnung brauchen mindestens hundert Tage reine Rechenzeit, oft mehr. Danach folgt das Post-Training, das ebenfalls mehrere Monate dauert. Und seit 2026 müssen alle großen KI-Modelle eine 30-tägige Überprüfung durch die US-Regierung durchlaufen, bevor sie veröffentlicht werden dürfen. Das schiebt jeden Launch um mindestens einen Monat nach hinten.
Es gibt noch einen weiteren Grund: Google hat in diesem Jahr ein Modell verworfen und neu aufgebaut, weil es bei Programmieraufgaben versagte. Der Konzern kann nicht mehr so schnell liefern wie OpenAI oder Anthropic. Der Autor verweist auf GPT-6 von OpenAI: Das Pre-Training endete im März 2026, Sam Altman versprach einen Start „in ein paar Wochen“. Doch selbst im August ist GPT-6 nicht veröffentlicht. Stattdessen hat OpenAI die Verbesserungen als GPT-5.5 als Punkt-Release herausgebracht. Dieses Muster sieht der Autor auch bei Google: Punkt-Release wie Gemini 3.5 Pro könnten bald erscheinen, aber eine komplett neue Generation lässt auf sich warten. Er rät, nicht auf Versprechen zu achten, sondern auf die tatsächliche Entwicklung.
Verliert Google seine besten Köpfe – oder ist das nur Business as usual?
Eine häufige Befürchtung nach den Abgängen: Google erleidet einen massiven Brain Drain. Der Autor hat diese Frage mit einem statistischen Modell angegangen. Er fragte sich, wie viele der etwa fünfzehn ranghöchsten Forschungs- und Entwicklungsleiter, die bei Google DeepMind noch verblieben sind, innerhalb der nächsten sechs Monate gehen werden. Seine Prognose: zwei, wobei eine mögliche Freistellungsphase von mehreren Monaten den Prozess verlangsamen kann. Das ist beruhigend, wenn man bedenkt, dass bei einem Unternehmen dieser Größe natürliche Fluktuation völlig normal ist.
Der Autor stützt sich auf eine umfassende Analyse von Mike Frantzen, der 157 Frontier-Modell-Veröffentlichungen und 171 Personalwechsel untersuchte. Das überraschende Ergebnis: Labore mit mehr Senior-Abgängen bauten in der Folge bessere Modelle als ihre direkten Konkurrenten. Der Grund ist einfach: Die Gewinner ziehen Talente an, aber die Verlierer behalten den Rest, der oft jahrelange Erfahrung mitbringt. Die eigentliche Stärke eines KI-Labors liegt nicht in ein paar bekannten Namen, sondern in der Trainingsinfrastruktur und den hunderten von Ingenieuren im mittleren Management, die nie im Rampenlicht stehen. Der Autor wendet diese Logik auch auf die britische Niederlassung an: Er erwartet, dass der Personalbestand in Großbritannien bis 2027 um etwa neun Prozent gegenüber 2025 wächst. Und er schätzt die Wahrscheinlichkeit, dass DeepMind als eigenständige Einheit bestehen bleibt, auf 73 Prozent. Hassabis behält zwar einen Titel auf Alphabet-Ebene bis Ende 2027, aber seine Rolle werde zunehmend zeremoniell statt operativ, sagt er.
Googles dunkles Pferd: Die Cloud als Cash-Maschine
Während alle auf die KI-Modelle schauen, übersehen viele, dass Google in einem anderen Bereich enorm wächst. Google Cloud verzeichnete im letzten Quartal ein Plus von 82 Prozent im Jahresvergleich. Der größte Kunde dabei ist ausgerechnet Anthropic, das führende KI-Unternehmen, das mit Googles Konkurrenzmodellen arbeitet. Anthropic hat sich langfristig verpflichtet, rund 200 Milliarden Dollar bei Google Cloud auszugeben – über fünf Jahre, beginnend 2027. Im Vergleich dazu werden die Einnahmen aus Googles eigenen KI-Produkten wie Gemini API und Verbraucher-Abonnements auf etwa 15 Milliarden Dollar pro Jahr geschätzt. Eine enorme Diskrepanz.
Der Autor prognostiziert: Es gibt eine Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent, dass die jährlichen Ausgaben von Anthropic bei Google Cloud die Einnahmen aus Googles eigenen Gemini-Produkten vor 2028 übersteigen. Das ist nicht nur eine wirtschaftliche Kuriosität, sondern auch ein strategisches Signal. Google wird zunehmend zur Infrastruktur für die Konkurrenz, während es selbst im KI-Rennen zurückfällt. Der Autor sieht darin eine mögliche Rettung: Selbst wenn Googles eigene Modelle nicht die besten sind, kann das Unternehmen weiterhin Milliarden verdienen, indem es die Recheninfrastruktur für andere stellt. Ähnlich wie ein Softwareunternehmen, dessen Betriebssystem von den Geräten der Konkurrenz genutzt wird – es bleibt profitabel, auch wenn es nicht die innovativste Hardware selbst produziert.
Die zerbröckelnden roten Linien: Militär und Ethik
Ein Aspekt, der in der öffentlichen Diskussion oft zu kurz kommt, sind die ethischen Versprechen, die Google und DeepMind 2014 bei der Übernahme gegeben haben. Damals verpflichtete sich Google in einem internen Übereinkommen, dass eine Ethikkommission die Kontrolle über eine mögliche künstliche allgemeine Intelligenz (AGI) erhalten würde, und dass DeepMinds Technologie nicht für militärische Zwecke verwendet werden darf. Diese Vereinbarungen sind inzwischen weitgehend ausgehöhlt. Die Ethikkommission wurde nie vollständig eingesetzt, und 2025 hat Google offiziell die Prinzipien geändert, um KI für militärische Einsätze zu verkaufen. Bereits im April 2026 unterzeichnete Google einen Geheimvertrag mit dem Pentagon, der Gemini für „alle rechtmäßigen Regierungszwecke“ öffnet – inklusive der Möglichkeit, menschlich überwachte Zielauswahl zu unterstützen. Das ist genau das, was Anthropic im Mai abgelehnt hat.
Der ehemalige Google-Mitarbeiter, der selbst miterlebte, wie Mitarbeiter gegen die militärische Zusammenarbeit protestierten, hat auch hierzu eine Prognose erstellt: Es gibt eine 66-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass bis Ende 2027 ein Gemini-basiertes System in einer tatsächlichen Waffen- oder Zielerfassungsrolle eingesetzt wird. Das wäre ein Bruch des ursprünglichen Versprechens von 2014. Mit der neuen Führungsstruktur, die DeepMind zu einer normalen Unternehmensabteilung macht, sieht man keine formalen Hürden mehr für solche Einsätze. Der Autor weist darauf hin, dass Googles interne Governance schwächer sein könnte als die von OpenAI, das zumindest eine Nonprofit-Struktur mit Board-Kontrolle hat, oder von Anthropic, das eigene Sicherheitsmechanismen etabliert. Diese Entwicklung ist potenziell folgenschwerer als jede Marktanteilsverschiebung.
Was bedeutet das für die Zukunft der KI?
Am Ende stellt sich die Frage, ob Googles Niedergang als KI-Vorreiter wirklich eine Katastrophe ist. Der Autor gibt eine überraschend nüchterne Antwort: Die Verluste an Talenten werden überschätzt, aber Googles technologischer Rückstand wird unterschätzt. Er schätzt, dass Google etwa zwölf Monate hinter der Spitze liegt – mehr als die oft genannten sechs bis neun Monate. Das bedeutet: Gemini 4 wird kommen, aber es wird nicht das beste Modell sein. Dafür wird Google weiterhin von seiner Cloud-Infrastruktur profitieren, und das ist eine stabile Einnahmequelle. Gleichzeitig zeigt die militärische Öffnung, wie schnell ethische Prinzipien im Wettbewerb aufgeweicht werden können. Für uns Nutzer bedeutet das: Wir werden weiterhin KI-Assistenten in Google-Produkten sehen, aber die wirklich bahnbrechenden Modelle werden nicht aus Mountain View kommen. Vielleicht ist das auch gut so, denn mehr Konkurrenz bedeutet mehr Vielfalt und mehr Kontrolle. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob Google sich auf die zweite Reihe verabschiedet oder ob der Konzern noch eine Überraschung parat hat.
Quelle: futuresearch.ai
