An einem Mittwoch im August 2026 steht Sarah Friar vor ihren Mitarbeitern und sagt einen Satz, der in der Tech-Welt selten geworden ist. Sie kündigt einen Termin an. Das KI-Labor OpenAI, so die Finanzchefin, werde 2027 an die Börse gehen, möglicherweise sogar früher, falls die Geschäftsentwicklung weiter anziehe. Der IPO sei kein Endpunkt, sondern ein Meilenstein, eine weitere Finanzierungsrunde. Für Friar ist der Kapitalmarkt ein Werkzeug, kein Schicksal.
Was CFO Sarah Friar intern wirklich gesagt hat
Die Äußerungen fielen laut CNBC bei einem All-Hands-Meeting, einem Treffen für alle Beschäftigten. Zwei Quellen, die dabei waren, gaben die Worte anonym an die Redaktion weiter. Sie waren nicht autorisiert, über interne Belange zu sprechen. Friar wählte ihre Worte mit Bedacht. Sie weiß, dass jeder Halbsatz auf einer Finanzseite landen kann.
Sie formulierte eine Bedingung: Sollte das Geschäft weiter „inflecten“, also eine deutliche Beschleunigung zeigen, könnte das Debüt auch vor 2027 stattfinden. Die Finanzierungsrunde im März über 122 Milliarden Dollar gebe genug Flexibilität, um nicht unter Druck zu geraten. Wer investieren will, soll wissen: Dieser IPO kommt aus einer Position der Stärke, nicht aus Not.
Friar hat noch eine zweite Ansage. Die Belegschaft solle sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, falls Anthropic schneller an die Börse gehe. Anthropic habe ebenfalls einen vertraulichen Prospekt bei der SEC eingereicht, so Friar, und könne die vertrauliche Phase bereits im September beenden. „Das ist in Ordnung“, sagte sie, „wir laufen unser eigenes Rennen.“ Der Satz hat eine beruhigende Wirkung. Er nimmt Mitarbeitern die Sorge, beobachtet zu werden, und lautet: Wir bestimmen das Tempo, nicht der Rivale.
Vertrauliche Einreichung bei der SEC: Was das bedeutet
OpenAI hat im Juni 2026 einen IPO-Prospekt vertraulich bei der SEC eingereicht. Das Verfahren ist in den USA seit einigen Jahren üblich. Unternehmen müssen den vollen Prospekt mit allen Risiken, Zahlen und Geschäftsmodellen nicht sofort veröffentlichen. Sie legen das Dokument nur der Aufsichtsbehörde zur Prüfung vor. Öffentlich wird es erst, wenn das Unternehmen selbst an die Öffentlichkeit geht.
Man kann es sich wie eine Generalprobe hinter verschlossenen Türen vorstellen. Das Stück wird einstudiert, die Regie korrigiert Feinheiten, das Publikum weiß noch nichts. Anthropic nutzt dasselbe Verfahren. Beide testen parallel die Bereitschaft der Investoren, ohne sich gegenseitig zu behindern. Wenn eines den Schritt wagt, bekommt der Markt als erster alle Zahlen, Verlustquellen und Wachstumstreiber zu sehen.
Für Investoren entsteht eine eigentümliche Spannung. Sie wissen, dass ein Ereignis kommt, kennen aber weder Termin noch Konditionen. Deshalb reagieren Aktien nahestehender Firmen oft schon Monate vor einem IPO auf Gerüchte.
Die Bewertung von 852 Milliarden Dollar steht unter Druck
OpenAI wird derzeit mit rund 852 Milliarden Dollar bewertet. Die Zahl stammt aus privaten Finanzierungsrunden, nicht von einem echten Marktpreis. Ein Börsengang zeigt, ob private Investoren und öffentliche Anleger denselben Wert sehen. Für Friar und CEO Sam Altman ist das der eigentliche Test.
Beim All-Hands-Meeting präsentierte Friar nach CNBC-Informationen Folien mit internen Zahlen. Die Umsatz-Run-Rate sei im laufenden Quartal um 35 Prozent gestiegen, im Enterprise-Geschäft, also bei Firmenkunden, um 50 Prozent. Die KI-Anwendungen für Coding und Bürotätigkeiten hätten 20 Millionen wöchentlich aktive Nutzer.
OpenAI hatte Investoren für das zweite Quartal einen Umsatz von 6,7 Milliarden Dollar genannt, 18 Prozent mehr als im ersten Quartal. Die annualisierte Umsatz-Run-Rate liege laut CNBC bei über 40 Milliarden Dollar. Die Zahlen klingen beeindruckend. Doch wie viel davon ist nachhaltiger Umsatz, wie viel stammt aus Vorabverträgen, gestundeten Zahlungen oder Buchhaltungseffekten?
Anthropic hat nachgelegt. Das Unternehmen teilte Investoren am Wochenende mit, seine annualisierte Umsatz-Run-Rate habe Ende Juli 65 Milliarden Dollar erreicht, eine Versiebenfachung gegenüber dem Vorjahr. Für das zweite Quartal nannte es vorläufig 11,5 Milliarden Dollar. Wenn diese Zahlen einer Prüfung standhalten, hätte OpenAI bei einem reinen Umsatzvergleich das Nachsehen, obwohl die Marke ChatGPT bekannter ist.
Die Baustellen: Personalabgänge und offene Fragen
Personalabgänge sind bei einem Börsengang ein heikles Thema. Innerhalb weniger Wochen hat OpenAI drei namhafte Abgänge zu verkraften. Denise Dresser, die Revenue-Chefin, verließ das Unternehmen nach nur acht Monaten. Brad Lightcap, langjähriger Vertrauter des Managements, kündigte nach acht Jahren an, „etwas Neues“ zu beginnen. Fidji Simo, zuständig für das Produktgeschäft, war bereits im Juli zurückgetreten, um sich von einer chronischen Erkrankung zu erholen.
Solche Wechsel sind in schnell wachsenden Unternehmen nicht ungewöhnlich. Vor einem Börsengang bekommen sie aber Gewicht. Investoren lesen sie als Signale, sei es für kulturelle Spannungen, Machtkämpfe oder überlastete Strukturen. Sam Altman, Greg Brockman und Sarah Friar bleiben die Konstanten, an denen sich die Stabilität messen lässt.
Brockman versuchte am Montag in einem CNBC-Interview, die Situation zu entschärfen. Er sehe die Fluktuation nicht als atypisch. OpenAI stehe stärker im Rampenlicht als andere Organisationen, weshalb jede Personalie auffalle. Die Erklärung ist nachvollziehbar. Aber drei zentrale Rollen müssen in kurzer Zeit neu besetzt werden, während ein Börsengang vorbereitet wird.
Der Vergleich mit Anthropic: Zwei Geschwindigkeiten, ein Ziel
Zwei führende KI-Unternehmen drängen fast gleichzeitig an die Börse. OpenAI und Anthropic galten lange als Rivalen, sichtbar vor allem über Modellvergleiche und Debatten zwischen Altman und Dario Amodei. Nun konkurrieren sie direkt auf dem Kapitalmarkt.
Für Investoren ergibt sich eine seltene Konstellation. Statt auf „die KI“ zu setzen, können sie zwischen zwei Unternehmen wählen, die unterschiedliche Schwerpunkte haben. OpenAI baut auf eine breite Nutzerbasis und Produkte wie ChatGPT, Codex und Sora. Anthropic setzt stärker auf API-Geschäft, Unternehmenskunden und das Claude-Modell. Die Gewichtung zwischen Endkunden und Unternehmen, Konsumprodukt und Infrastruktur, könnte den Bewertungsunterschied prägen.
Gleichzeitig teilen beide Unternehmen ein Risiko, das in keinem Prospekt fehlen darf: die wachsende Verbreitung sogenannter Open-Weight-Modelle. Modelle, deren Gewichte öffentlich verfügbar sind, lassen sich lokal betreiben, deutlich günstiger einsetzen und entziehen sich der klassischen API-Ökonomie. Wenn Unternehmen ihre KI-Workloads zunehmend auf solche Modelle verlagern, geraten beide Anbieter unter Preisdruck, unabhängig davon, wie überlegen ihre eigenen Modelle in Benchmarks sein mögen.
Was der Schritt für die KI-Branche bedeutet
Ein Börsengang von OpenAI wäre mehr als eine Kapitalaufnahme. Er würde zeigen, dass KI als Branche etabliert ist, mit Umsätzen, die eine SEC-Prüfung rechtfertigen. Bisher lebt die Branche von privatem Risikokapital, das geduldig ist, weil es auf einen langfristigen Wendepunkt setzt. Ein IPO verschiebt die Zeitschiene. Quartalsberichte, Margen, Cashflow und Aktienkurs bestimmen künftig die Sprache über das Unternehmen.
Das hat Folgen für die ganze Branche. Wenn OpenAI als Vorbild gilt, ziehen andere KI-Unternehmen nach, nicht nur Anthropic. Auch Anbieter aus dem nvidia-nahen Umfeld, die bisher im Schatten der GPU-Revolution arbeiteten, könnten den öffentlichen Markt suchen. Kapital fließt dorthin, wo Liquidität herrscht. Ein erfolgreicher IPO von OpenAI würde diese Liquidität schaffen.
Gleichzeitig erhöht ein Börsengang die Verwundbarkeit. Aktienkurse schwanken täglich, Schlagzeilen wirken unmittelbar, und jede Modellankündigung wird zur Investitionsentscheidung. Unternehmen, die im Schutz des Privatmarkts Jahrzehnte voraus denken konnten, müssen lernen, in Quartalen zu denken. Sam Altman hat diesen Wandel mehrfach angedeutet. Sein öffentliches Auftreten wird künftig stärker vom Aktienkurs geprägt sein als von Forschungsvisionen.
Was bleibt davon, wenn der erste Handelstag vorbei ist
Wichtiger als der erste Handelstag sind die Monate danach. Der Börsengang beantwortet eine Frage und stellt drei neue. Wie verteidigt OpenAI seine Bewertung, wenn Anthropic öffentlich wird? Wie reagieren die Aktien auf die ersten Quartalsberichte mit Margen, Verlustvorträgen und Kundenkonzentration? Wie geht das Unternehmen mit einer Personalfluktuation um, die nun auch am Markt bewertet wird?
Sarah Friar hat dafür die Formel geliefert: Der IPO sei kein Endpunkt, sondern ein Meilenstein, eine weitere Finanzierungsrunde. OpenAI sieht den Börsengang also nicht als Krönung, sondern als Zwischenstation. Investoren sollten nicht mit einem ruhigen Anlagefall rechnen, sondern mit einem Unternehmen, das weiter Gas gibt und den Kapitalmarkt wie bisheriges Risikokapital nutzt. Das ist die Ansage für 2027.
Quelle: cnbc.com
