Claudia d’Antoine, CEO von Margin Research, beschreibt den Zustand der offensiven Cybersicherheit im Jahr 2026 so: „You are entering a world somewhere between 0 and 1.“ Eine Welt mit Halluzinationen und Bugs – aber sie ist unsere Realität. In ihrem Essay skizziert sie ein neues Phänomen: den Half-Day. Damit sind Exploits gemeint, die technisch 0-Days sind, aber unter Bedingungen gefunden und genutzt werden, die ihre Lebensdauer deutlich verkürzen. Der Begriff ist wichtig. Er könnte verändern, wie wir über Schwachstellen, Märkte und Risiken denken.
In der Branche diskutiert man über die Zukunft des Marktes für offensive Cybersicherheit. Manche erwarten, dass KI-Modelle die Forschung überrollen und 0-Days im Minutentakt produzieren. Andere sehen eine Chance für Forscher, schneller und tiefer zu graben als je zuvor. d’Antoine gehört zur zweiten Gruppe, warnt aber vor einer Verschiebung: Die neuen Werkzeuge machen exklusives Wissen schneller öffentlich. Dadurch wird aus einem 0-Day über Nacht ein n-Day. Hier setzt ihr Konzept des Half-Day an.
Was genau ist ein Half-Day-Exploit?
Ein 0-Day-Exploit ist eine Schwachstelle, von der der Hersteller nichts weiß. Es gibt keinen Patch, keinen Schutz, und nur der Besitzer des Exploits kennt das Einfallstor. Dieser Wissensvorsprung macht den Wert aus. d’Antoine argumentiert, dass dieser Vorsprung schmilzt, sobald KI-gestützte Schwachstellenanalyse zur Norm wird. Ein Exploit in einer stark untersuchten Oberfläche wie einem gängigen Betriebssystem oder Browser steht unter Beobachtung durch Modelle, die aus den besten Forschungsarbeiten der Branche lernen. Deshalb ist er zwar immer noch ein 0-Day im technischen Sinne, aber eben schon „halfway to n“ – unterwegs zum öffentlich bekannten n-Day.
Konkret: Ein Forscher entdeckt eine Lücke in einer weit verbreiteten Bibliothek. Er sieht sie als Erster. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass ein anderes KI-Modell dieselbe Lücke in den nächsten Wochen oder Tagen findet, ist hoch. Der Exploit ist also kein klassisches 0-Day mehr, das jahrelang im Verborgenen bleiben kann. d’Antoine nennt solche Produkte „Half-Days“ – ein Verfallsdatum, das von Anfang an existiert. Die Halbwertszeit des Wissensvorsprungs hat sich stark verkürzt.
Der Felsen-Markt: Wie Exploits gehandelt werden
Um die Auswirkungen auf den Markt zu verstehen, hilft ein Bild von d’Antoine: der Felsen. Kunden sagen ihrem Lieferanten: „Bring mir einen Felsen.“ Sie wissen nicht, welchen sie brauchen, und sie können ihn vor dem Kauf nicht untersuchen. Der Lieferant sucht, findet und poliert einen schönen Felsen und bietet ihn an. Je länger der Felsen im Regal liegt, desto mehr verliert er an Wert. Entweder findet jemand anderes denselben Felsen, oder das Ziel wird abgesichert.
Nun fügt die KI-Ära neue Risiken hinzu. Was, wenn ein Teil der Kunden glaubt, er könne sich alle Felsen selbst herstellen – mit generativen Modellen? Was, wenn die Methode, mit der ein Felsen gefunden wurde, den Felsen unbrauchbar macht, etwa weil sie einem Gegner gehört? Und selbst wenn der Verkauf gelingt, besteht ein größeres Risiko, dass der Felsen explodiert, in einem Raum voller identischer Felsen landet oder im Steinhaufen eines Konkurrenten auftaucht. Diese Unsicherheit gehört jetzt zum Alltag. Der Felsen-Markt wird volatiler, und alle Beteiligten müssen früher über Risiken sprechen.
KI und die schrumpfende Lebensdauer von 0-Days
Warum schrumpft die Lebensdauer so stark? Die besten Offensive-Forscher arbeiten inzwischen oft für KI-Labore wie Anthropic oder OpenAI. Dort trainieren sie Modelle, die ihre Erfahrung aufnehmen. Diese Modelle lernen von genau den Menschen, die früher isoliert nach Schwachstellen suchten. Bevorzugte Ziele sind die Systeme, die die westliche Welt prägen: gängige Betriebssysteme, Browser, Cloud-Dienste. Was wichtig ist, wird am intensivsten trainiert.
Die Zahl gemeldeter CVEs steigt stark – die öffentliche Schwachstellendatenbank wächst in fast jedem großen System schneller als je zuvor. d’Antoine betont: Nicht jede CVE ist ein operativ nutzbarer Exploit. Aber die Menge zeigt, dass die Population der Half-Days wächst. Die Szenarien, wonach Menschen in der Forschung überflüssig werden, sind übertrieben. Die Rolle des Forschers ändert sich, verschwindet aber nicht. Wer glaubt, KI produziere nur „Magic“ oder „Slop“, übersieht, dass weiterhin menschliches Urteilsvermögen nötig ist.
Was die Halbwertszeit für Anbieter und Kunden bedeutet
Alle Marktteilnehmer müssen umdenken. Ein Half-Day ist nur kurz genauso wertvoll wie ein 0-Day. Die Geschwindigkeit wird entscheidend: Die Zeit zwischen Entdeckung und Einsatz muss minimal sein. Automatisierung ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Wer im Half-Day-Zeitalter arbeitet, muss damit rechnen, dass Konkurrenten, Gegner und Hersteller den Exploit bald finden und patchen. Das Zeitfenster schließt sich immer schneller.
Anbieter müssen sich umstellen: Handgefertigte Exploits, die über Monate perfektioniert werden, sind selten geworden. Das Bild des einsamen Hackers, der im Keller einen 0-Day entwickelt und ein Vermögen kassiert, ist eine Legende. Gefragt sind Teams, die eng zusammenarbeiten und langfristige Strategien verfolgen. Auch Kunden stehen vor neuen Herausforderungen: Sie müssen Risikoentscheidungen treffen, bevor der Exploit in ihren Händen ist. Der Zeitdruck verändert die Verhandlungsdynamik auf dem Cybermarktplatz.
Die Defensive unter Druck
Die Half-Day-Welle trifft auch die Defensive. Sicherheitsteams haben einen Berg technischer Schulden vor sich, der sich über Jahrzehnte angesammelt hat. Es gibt keine klare Möglichkeit, Patches automatisiert so schnell auszurollen, wie KI-gestützte Suche Schwachstellen findet. Zudem ist unklar, welche CVEs zu gefährlichen Exploits führen. Das macht Priorisieren schwierig. Manche Unternehmen spüren das bereits. Apple hat kürzlich eine Pause seines Bug-Bounty-Programms angekündigt. Viele werten das als Beginn größerer Umwälzungen.
Ein gemeinsamer Rahmen für die Zukunft
Der Half-Day ist mehr als ein Schlagwort. Er hilft zu verstehen, warum sich die Spielregeln der offensiven Cybersicherheit ändern. KI verändert nicht nur Werkzeuge, sondern auch die Ökonomie des Wissens. Wer bisher Exklusivität verkauft hat, muss mit kurzen Halbwertszeiten leben. Die neuen Bedingungen bieten aber auch Chancen: Wer kreativ mit Modellen arbeitet, erreicht in kürzerer Zeit mehr.
Ob sich der Begriff des Half-Day in der Fachsprache etabliert, ist offen. Entscheidend ist die Erkenntnis: 0-Days sind im Zeitalter von KI nicht mehr das, was sie einmal waren. Wer das ignoriert, wird überholt – ob als Anbieter, Kunde oder Verteidiger. Wer die neue Halbwertszeit akzeptiert, richtet sein Vorgehen danach aus. Die Illusion des perfekten, ewig haltbaren Exploits ist vorbei. Wir müssen lernen, mit Ungewissheit zu leben. Das ist die neue Realität der offensiven Cybersicherheit.
Quelle: margin.re
