Du greifst nach einem nassen Glas. Deine Finger spüren sofort, ob es rutscht, und passen den Druck an, bevor es dir aus der Hand gleitet. Diese Bewegung ist für einen Roboter eine der kniffligsten Aufgaben. Humanoiden Maschinen fehlt genau diese Fähigkeit. Sie können laufen, aber an den Händen scheitern sie noch. Das norwegische Unternehmen 1X, das heute in Palo Alto sitzt, hat seinem Haushaltsroboter NEO neue Hände verpasst. Die sind das Spannendste an der Maschine.
Jede Hand verfügt laut 1X über 25 Freiheitsgrade: 22 in den Fingern und der Handfläche, drei weitere im Handgelenk. Das allein macht sie beweglich. Die taktilen Sensoren messen nicht nur Druck, sondern auch Scherkräfte. So merkt die Hand, wenn ein Glas rutscht, und verstärkt den Griff – bevor es auf den Boden knallt. Wired, das einen frühen Blick auf die Technik werfen durfte, bezeichnet die Bewegungen der Finger als „freaky fast“. Doch die Geschwindigkeit ist Nebensache. Wichtig ist, dass die Hand fühlen kann, was sie hält.
Fabrikroboter haben seit Jahren Greifer, aber die arbeiten mit immer gleichen Teilen an immer gleichen Positionen. Ein Zuhause ist das Gegenteil: Objekte tauchen in seltsamen Formen, nassen Oberflächen oder unvorhersehbarem Gewicht auf. Ein Robotergreifer, der nur zu- und aufklappen kann, ist hier nutzlos. 1X hat die Hände deshalb backdrivable konstruiert: Die Gelenke geben nach, wenn man sie drückt, statt starr zu bleiben. Ein Stoß wird nicht zum Kampf. Die Finger lassen sich über den menschlichen Bewegungsspielraum hinaus biegen und umschließen unförmige Gegenstände. Die Hülle ist nach IP68 zertifiziert und besteht aus lebensmittelechten Materialien – sinnvoll für den Einsatz in der Küche oder am Waschbecken.
Aber eine leistungsfähige Hand allein macht noch keinen tüchtigen Haushaltsroboter. NEO muss das Objekt erst erkennen, die richtige Griffart wählen und die Aufgabe in einer unordentlichen Umgebung wiederholen – ohne dass ihm jemand den Weg bereitet. Ein polierter Democlip beweist das nicht. 1X räumt selbst ein, dass die Autonomie noch ein laufendes Projekt ist. Für Aufgaben, die NEO nicht kennt, gibt es den „Expert Mode“: Ein menschlicher Operator übernimmt per Fernsteuerung. Das ermöglicht die Steuerung einer Flotte, bedeutet aber auch, dass eine fremde Person eine kamerabestückte Maschine in deinem Zuhause dirigieren kann. Datenschutzfragen bleiben offen.
Die Entwicklung von 1X ist kein Einzelfall. Das Unternehmen startete als Halodi Robotics in Norwegen und reiht sich damit in eine stille europäische Konkurrenz um den humanoiden Haushaltsroboter ein. Während manche Rivalen argumentieren, dass Heimroboter auf Beine und Finger ganz verzichten sollten, und andere die ganze Humanoid-Euphorie für überzogen halten, läuft unter der Oberfläche der Wettlauf um die funktionierende Roboterhand. NEO ist bereits vorbestellbar – gegen eine Anzahlung von 200 Dollar. Die Hände sind der überzeugendste Teil des Angebots. Der nächste Demo wird nicht das Finger-Trommeln zeigen, sondern NEO, wie es eine alltägliche Aufgabe vom Anfang bis zum Ende eigenständig erledigt.
Die Fortschritte bei der Sensorik und Beweglichkeit sind beachtlich. Trotzdem bleibt die Frage, ob die weiche, anpassungsfähige Greiftechnik in den rauen Alltag eines Durchschnittshaushalts halten kann. Ein Prototyp, der unter Laborbedingungen funktioniert, ist noch kein Serienprodukt, das mit Fett, Feuchtigkeit und Kinderhänden zurechtkommt. 1X hat einen wichtigen Schritt gemacht – den Beweis für Robustheit und Zuverlässigkeit bleibt das Unternehmen noch schuldig. Ob die Hände nicht nur fühlen, sondern auch dauerhaft funktionieren, muss sich erst zeigen.
Quelle: thenextweb.com
