Roboter können heute drei Viertel der physischen Arbeitsaufgaben in den USA erledigen, überwiegend aber nur in begrenzten Umgebungen. Mit diesem Befund beginnt eine Untersuchung des KI-Unternehmens Anthropic, die den Einfluss von Robotik auf den Arbeitsmarkt messen will. Der Satz klingt nach Umbruch, und ein Stück weit ist er das auch. Nur sitzt dieser Umbruch nicht dort, wo man ihn auf den ersten Blick vermutet.
Die Analyse bewertet rund 19.000 Arbeitsaufgaben aus etwa 900 Berufen danach, ob ein Roboter sie heute erledigen kann. Als Werkzeug diente Anthropics eigenes Sprachmodell Claude, das für jede Aufgabe per Websuche nach konkreten Maschinen sucht und zu jeder Einstufung einen Beleg nennt. Die Bewertungen stammen also von einem Modell des Herausgebers, nicht von unabhängigen Gutachtern. Herausgekommen ist ein Roboter-Expositionsindex: keine Prognose, sondern eine Bestandsaufnahme dessen, was bereits läuft.
Wie der Roboter-Expositionsindex Arbeit messbar macht
Die Datengrundlage bildet ONET, eine öffentlich gepflegte Sammlung von Berufsbeschreibungen, die hier in rund 19.000 einzelne Arbeitsaufgaben zerlegt wird. Nicht jede davon ist körperliche Arbeit. Wer am Bildschirm Summen auf einem Formular prüft, benutzt zwar die Hände, verrichtet aber keine physische Tätigkeit im Sinne der Studie. Übrig bleiben etwa 7.600 Aufgaben, bei denen tatsächlich etwas in der Welt bewegt, gehalten, geformt oder transportiert wird.
Für jede dieser Aufgaben stellt der Index dieselbe Frage: Kann ein Roboter sie heute erledigen, und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Als Roboter gelten dabei autonome physische Maschinen, die ihre Umgebung wahrnehmen und auf sie einwirken. Eine vollständig vom Chirurgen gesteuerte Operationsmaschine fällt nicht darunter, eine Waschanlage, die Fahrzeuge scannt und die Düsen nachjustiert, schon. Die Definition ist streng. Deshalb fallen die Ergebnisse nüchterner aus als die Schlagzeile.
Die Studie geht vorsichtig mit Unsicherheit um. Ein Roboter zählt nur dann als fähig, wenn sich Einsatz, Verkauf oder eine belastbare Demonstration belegen lässt. Weil kurze Aufgabenbeschreibungen viel verbergen, erzeugt die Methode zu jeder Tätigkeit konkrete Beispiele und gewichtet sie nach Häufigkeit. Erst danach fällt die Einstufung, nach Mehrheitsregel. Der Aufwand ist groß. Er verhindert den üblichen Fehler, aus einer einzelnen gelungenen Vorführung gleich einen ganzen Beruf abzuleiten.
Vier Stufen: Warum die Umgebung über den Einsatz entscheidet
Der Kern der Untersuchung liegt nicht in der Frage, ob ein Roboter etwas kann, sondern wo er es kann. Ein Roboter ist kein Universalhandwerker, sondern ein Spezialist, der eine präparierte Bühne braucht: feste Positionen, wiederkehrende Abläufe, berechenbares Licht. Diese Bühne ist der Maßstab. Daraus entstehen vier Stufen.
E0 heißt: Kein heutiger Roboter schafft die Aufgabe. E1 bedeutet, dass sie in einer eigens gebauten Roboterumgebung gelingt, etwa an einem Fließband. Auf Stufe E2 arbeitet die Maschine in einer strukturierten menschlichen Arbeitsstätte wie einem Logistikzentrum oder einem Klinikflur. E3 schließlich steht für die unstrukturierte Welt, für Stadtstraßen, Baustellen und alles, was sich nicht vorher planen lässt.
Die Staffelung erklärt, warum spektakuläre Roboterdemos so wenig über den Arbeitsalltag verraten: Die Vorführung findet fast immer auf einer Bühne statt, die eigens für sie errichtet wurde. Je ungeordneter die Umgebung, desto schlechter schneiden die Maschinen ab. Und gemessen daran sind die meisten Arbeitsplätze erstaunlich ungeordnet.
Welche Arbeit Roboter heute erledigen können – und welche nicht
Das Ergebnis der Bewertung: Roboter können heute 74 Prozent der physischen Arbeit in den USA erledigen, zumindest unter bestimmten Bedingungen. Gewichtet ist dabei durchgehend nach Arbeitszeit und Zahl der Beschäftigten. Bezogen auf alle Arbeit, also einschließlich kognitiver und zwischenmenschlicher Tätigkeiten, entspricht das 34 Prozent der Arbeitsstunden. Die beiden Zahlen widersprechen sich nicht: Physische Aufgaben machen nur 46 Prozent der gesamten Arbeitszeit aus.
Etwa ein Viertel der physischen Arbeitszeit fällt in die Kategorie E0, ist also für heutige Roboter unerreichbar. Dazu gehört feinmotorische Arbeit wie das Färben oder Tönen von Haaren mit dem Pinsel, aber auch der Aufbau von Gerüsten, der Kraft, Gleichgewicht und Beweglichkeit verlangt. Rund die Hälfte der physischen Arbeitszeit liegt auf Stufe E1: in der eigens gebauten Umgebung machbar, darüber hinaus nicht. Weitere 22 Prozent erreichen E2, also strukturierte menschliche Arbeitsstätten; dort liefern Roboter in Kliniken Medikamente aus. Nur zwei Prozent entfallen auf E3, und das sind überwiegend Fahrtätigkeiten.
Das Muster dahinter: Fahren und Kommissionieren im Lager sind stark exponiert, weil sich diese Umgebungen kontrollieren lassen. Pflege und allgemeine Reparatur sind es kaum, weil dort ständig Unerwartetes passiert. Nicht der Beruf entscheidet über die Betroffenheit, sondern die Frage, wie vorhersagbar der Arbeitstag verläuft.
Roboter und LLMs im Beruf: zwei Techniken, zwei Arten von Arbeit
Setzt man Roboter und Sprachmodelle nebeneinander, decken sie zusammen etwa 80 Prozent der Arbeitsaufgaben ab, wiederum nach Arbeitszeit gerechnet. Das ist mehr, als jede der beiden Technologien allein erreicht. Sie ergänzen sich, statt zu konkurrieren: Roboter übernehmen die körperliche Seite, Sprachmodelle die sprachliche und kognitive.
Was übrig bleibt: Aufgaben, die stark zwischenmenschlich geprägt sind oder physische Fähigkeiten verlangen, über die heutige Maschinen nicht verfügen. Ein Gespräch mit einer verängstigten Patientin, ein Feingefühl in den Fingern beim Lösen verhedderter Kabel. Dafür gibt es derzeit keinen ernsthaften Ersatz.
Auch die Verteilung der Betroffenheit ist nicht neutral. Wer beruflich stärker Robotern ausgesetzt ist, ist statistisch häufiger männlich, geringer qualifiziert und schlechter bezahlt. Automatisierung trifft also nicht zufällig, sondern entlang bekannter Linien. Das ist kein Argument gegen die Technik, aber ein Hinweis darauf, wo Begleitung nötig wäre.
Kosten von Robotern gegenüber menschlicher Arbeit
Technische Machbarkeit ist das eine, Wirtschaftlichkeit das andere. Die Studie vergleicht, ob ein Roboter dieselbe Aufgabe billiger erledigt als ein Mensch. Das Ergebnis: Kostengünstig ist er heute für 0,3 Prozent der Arbeitsaufgaben. Machbar ist viel, bezahlbar ist wenig.
Hinzu kommt die Zeitachse. Wenn die Roboterpreise weiter so sinken wie in der Vergangenheit, dauert es vierzig Jahre, bis dieser Anteil zehn Prozent erreicht. Vierzig Jahre sind keine ferne Zukunft, aber auch kein nächster Montag. Wer heute Entscheidungen trifft, sollte diese Größenordnung im Kopf behalten.
Neben dem Preis bremsen zwei weitere Faktoren. Der erste ist die Fähigkeit selbst: Für viele Aufgaben fehlt schlicht die Geschicklichkeit. Der zweite sind Vorlieben und Regeln: Menschen wollen in manchen Bereichen nicht von Maschinen betreut werden, und Vorschriften setzen zusätzliche Grenzen. Arbeitsplatzautomation ist deshalb nie nur ein technisches Projekt.
Auswirkungen auf Löhne und Beschäftigung – und was daraus folgt
Die Autoren prüfen ihre Methode an der Vergangenheit. Über fünfzig Jahre hinweg, von 1977 bis heute, verzeichnen Berufe mit höherer Roboter-Exposition stärkere Rückgänge bei Löhnen und Beschäftigung als andere. Beweisen lässt sich damit kein Ursache-Wirkung-Zusammenhang. Das Muster ist trotzdem sichtbar. Zudem wächst die Exposition beständig: Jedes Jahr kommen rund zwei Prozent der physischen Arbeit hinzu, die Roboter zuvor nicht erledigen konnten.
Wenn die Vergangenheit ein Maßstab ist, dann trifft der Wandel Taxifahrer und Lagerpacker früher als Krankenschwestern und Mechaniker. Nicht, weil diese Berufe wichtiger oder unwichtiger wären, sondern weil sich ihre Arbeitsumgebung leichter kontrollieren lässt. Der Roboter am Arbeitsplatz ist damit weniger ein plötzlicher Einbruch als eine Verschiebung, die bereits im Gang ist.
Wer wissen will, wo die eigene Tätigkeit steht, kann sich eine einfache Frage stellen: Findet meine Arbeit in einer Halle oder auf einer Straße statt? Läuft sie nach einem Plan ab, oder muss ich mich ständig auf Unerwartetes einstellen? Je planbarer der Tag, desto näher ist die Maschine.
Quelle: anthropic.com
