Ein Architekt, der jahrelang Grundrisse von Hand zeichnete, bekommt plötzlich einen Assistenten, der in Minuten Baupläne entwirft. Softwareentwickler erleben Ähnliches mit Coding Agents. Ein erfahrener Open‑Source‑Entwickler hat seine Erfahrungen geteilt: Er schreibt kaum noch Code von Hand. Viele erleben diesen Wandel.
Seine Arbeitsweise hat sich fundamental verändert. Projekte wie Vite+ (Features in Rust, obwohl er die Sprache kaum beherrscht), fate 1.0 (Live Views, Drizzle‑ und GraphQL‑Support) und Codiff (eine schnelle Diff‑Review‑App) entstanden zu 90 % oder 100 % durch KI‑Codegenerierung. Für Athena Crisis, ein älteres, von Hand geschriebenes Spiel, ließ er die KI 70 Fehler beheben, Features implementieren und Tests schreiben – während er an anderen Projekten arbeitete. „Ich bin einfach nur erstaunt“, sagt er. Nie zuvor gab es eine solche Verbesserung der Entwicklererfahrung.
Wie der Workflow mit KI‑Agenten heute aussieht
Er nutzt die Codex CLI mit einem starken Modell (GPT‑Level). Er bevorzugt die Befehlszeile, weil sie mit einem leeren Blatt beginnt – keine alten Chats, keine Ablenkung. Sein Arbeitsplatz: ein Terminalfenster pro Projekt, links Codex, rechts die Konsole. So arbeitet er an drei bis sechs Projekten gleichzeitig. Der Flaschenhals ist nicht mehr das Schreiben von Code, sondern das Diskutieren und Reviewen der Ergebnisse. Er ordnet die Projekte räumlich auf einem großen Bildschirm: fate oben Mitte, void links, Athena Crisis rechts. Diese räumliche Zuordnung hilft beim Multitasking.
Seine Prompts sind knapp: „Ich will X bauen. Hol Kontext aus Y und Z, mach einen Vorschlag und frag mich, was noch unklar ist.“ Bevor der Agent startet, iteriert er mit ihm über den Plan. Bei Fehlerbehebungen schreibt der Agent zuerst einen Test, der den Fehler reproduziert. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass er das richtige Problem löst. Trotzdem: Die Modelle gehen oft in die falsche Richtung. Manchmal ist es besser, eine Sitzung abzubrechen und neu zu starten. Für größere Änderungen nutzt er /review-Zyklen. Sein Review‑Tool ist Codiff, das einen geführten Walkthrough der Änderungen liefert.
Die neuen Engineering Values
Der Autor leitet Werte ab, die für die Softwareentwicklung ab 2026 entscheidend sind. Die Art, Code zu produzieren, hat sich gewandelt, aber grundlegende Prinzipien bleiben – ihre Gewichtung verschiebt sich.
Starke Verantwortung
Gute Ingenieure zeichnen sich durch Domänenwissen und Eigentümerschaft aus. KI‑Agenten verstärken das: Wer sein Produkt kennt, liefert schneller. Wer keine Ahnung hat, erzeugt Lärm. Koordination wird teurer. Deshalb setzt er auf kleine Teams von zwei bis drei Personen mit klaren Zuständigkeiten und isolierten Repositories. Das tut weh, denn er war lange ein Verfechter von Monorepos. Starke Verantwortung bedeutet, Architektur, Anforderungen und langfristige Richtung zu verstehen, die Arbeit der Agenten zu reviewen und Entscheidungen zu treffen – manchmal direkt auf main zu pushen. Code‑Reviews in kleinen Teams dienen der Abstimmung, nicht dem Streit über Zeichensetzung.
Geschmack, Geschmack, Geschmack
Er hat eine geringe Toleranz für Bullshit – und mit Agenten könne jeder den ganzen Tag Bullshit produzieren. Sein Appell: „Hör einfach auf.“ Guter Geschmack bedeutet nicht nur, großartige Produkte zu bauen, sondern auch zu entscheiden, ob es sich lohnt, Zeit in etwas zu investieren. Sein Rat an Teams: Verbringt mehr Zeit damit herauszufinden, was die Zeit wirklich wert ist.
Strenge Leitplanken und schnelle Feedbackschleifen
Große Organisationen legen Code enge Beschränkungen auf, um Geschwindigkeit zu halten. Mit Coding Agents verhält es sich ähnlich: Jede Sitzung gleicht einem neuen Mitarbeiter ohne Kontext. Je mehr Regeln (Lint‑Regeln, automatisierte Tests, schnelle Verifikation), desto schneller iterieren Menschen und Agenten. Schnelle, skalierbare Werkzeuge sind wichtiger denn je. Enge Feedbackschleifen machen den Unterschied zwischen einer Minute und einer Stunde Bearbeitungszeit. Tools sollten nur geänderte Dateien prüfen und nicht mit der Codebasis wachsen.
Kontext im Repository
Kontext war bisher über viele Orte verteilt: Notion, Meetings, implizites Wissen, Commit‑Kommentare. Jede Agentensitzung ist wie ein neuer Mitarbeiter, der nicht an all diese Quellen herankommt. Die Lösung: den gesamten relevanten Kontext direkt im Repository ablegen – lokal, zugänglich für Agenten und Menschen. Das ist der Ort, um Geschmack, Werte und Denkweise zu injizieren. Agenten sollten keinen Schrott in die Codebasis spülen. Code wird noch stärker fürs Lesen optimiert: Weniger und einfacherer Code ist leichter zu verstehen und zu reparieren.
Den eigenen Stack besitzen
Früher bestand eine App zu 95 % aus Drittanbieter‑Abhängigkeiten. Externe Bibliotheken waren sinnvoll, weil eigenes Schreiben teuer war. Aber das machte abhängig von einem Stack ohne Kontrolle. Jede Abhängigkeit bringt Architektur, Einschränkungen und Entscheidungen mit. Agenten verschieben die Kosten: Sie machen es günstiger, eigene Lösungen zu bauen. Der Entwickler hat einen eigenen Open‑Source‑JavaScript‑Stack aufgebaut – für Daten, Internationalisierung, UI, Tool‑Konfigurationen. Das erlaubt ihm, neue Projekte schnell mit engen Vorgaben für Agenten zu starten und die volle Kontrolle zu behalten.
Was das für uns bedeutet
Der Autor weiß, dass dies nicht nur individuelle Arbeitsweisen betrifft, sondern ganze Organisationen umkrempelt. „Alle technischen Organisationen werden sich drastisch ändern müssen, wenn sie erfolgreich sein wollen.“ Wer heute noch in traditionellen Code‑Reviews und langen Genehmigungsprozessen denkt, verliert den Anschluss. Code und Programmierung werden nicht verschwinden. Englische Spezifikationen in Markdown sind eine furchtbare Programmiersprache – dynamischer Code mit Agenten erscheint sinnvoller.
Die Rolle des Ingenieurs verschiebt sich vom Code‑Schreiber zum System‑Dirigenten. Alte Werte wie Sorgfalt, Verantwortung und guter Geschmack bleiben zentral, müssen aber neu interpretiert werden. Statt selbst jede Zeile zu tippen, kuratierst du die Ausgabe von KI‑Assistenten. Statt jedes Detail zu wissen, musst du sicherstellen, dass die Leitplanken stimmen. Statt aufwändiger Koordinationsschleifen setzt du auf kleine, fokussierte Teams und klare Verantwortungen. Das passiert jetzt. Die Frage ist nicht, ob du mitziehst, sondern wie schnell du deine eigenen Engineering Values anpassen kannst.
Quelle: cpojer.net
