KI-Superforecaster: Die Prognosemärkte sind erreicht

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Du wachst morgens auf und checkst dein Krypto-Portfolio. Die Kurse sind gefallen. Hättest du es gestern gewusst, hättest du verkauft. Oder dein Arbeitgeber fragt: „Wird die Erkältungswelle 2040 halbiert sein?“ Du zuckst mit den Schultern. Die Zukunft ist unsicher. Aber was, wenn eine Maschine sie berechnen kann? Mit Wahrscheinlichkeiten, Daten und Methoden an der Grenze des Machbaren. Das behaupten die neuen KI-Superforecaster.

Scott Alexander berichtet auf Astral Codex Ten von einer Konferenz der Prognosemärkte im Juni 2026. Die Stimmung war elektrisierend: Aus einem obskuren Hobby wurde eine Milliardenindustrie. Sogar der Sohn des US-Präsidenten berät. Doch all das trat in den Hintergrund, als die ersten KI-Superforecaster ihre Ergebnisse präsentierten. Ein Startup-Gründer erzählte, sein System habe aus 35 Dollar auf Kalshi innerhalb von sieben Monaten 2 Millionen Dollar gemacht. Ein anderer schlug den Aktienmarkt mit einem marktneutralen Portfolio um 25 Prozent. Der Autor glaubt diesen Zahlen. Die Prognose-Community hatte vorhergesagt, dass KI die besten menschlichen Vorhersager irgendwann 2026/2027 überflügeln würde. Dieser Moment ist jetzt da – und er sieht aus wie Gewinne, nicht wie Forschungsarbeiten.

Ein KI-Superforecaster ist ein großes Sprachmodell wie GPT oder Claude, das durch eine Scaffold-Software systematisch forscht und Wahrscheinlichkeiten berechnet. Statt nur einer Antwort startet es Unteragenten, liest Dutzende Webseiten, analysiert Studien und wägt Argumente ab. Der Autor testete FutureSearch: Wie wahrscheinlich ist es, dass die Zahl der Atemwegsinfektionen in den USA bis 2040 halbiert wird? Nach zwei Minuten hatte die KI drei Unteragenten gestartet, 16 Webseiten gelesen und untersuchte gerade die Skalierbarkeit von Luftreinigungstechnik. Nach fünf Minuten kam die Antwort: 7 Prozent. Die Begründung las sich wie ein wissenschaftliches Gutachten: über 200 Virenarten, 50 Jahre gescheiterte Impfstoffversuche, enge Zeitpläne, Akzeptanzprobleme und fehlende Messverfahren. Das kostete 8 Dollar in Credits. Preseen, ein zweiter KI-Dienst, kam auf 8,8 Prozent. Ein menschlicher Superforecaster gab 5-10 Prozent. Die Übereinstimmung ist bemerkenswert.

Eine einzelne Frage ist kein Beleg. Der wahre Test findet auf Metaculus statt, wo Menschen und Maschinen antreten. Ein Diagramm zeigt, dass Standard-KI-Modelle wie GPT oder Claude die Community Prediction annähern, aber noch hinter den professionellen Superforecastern liegen. Allerdings zählt der Graph nur nackte Modelle, nicht die spezialisierten Scaffolds. Laut einer Metaculus-Analyse sind solche Scaffolds neun Monate Basis-Modell-Entwicklung wert. Hochgerechnet liegen die besten KIs im Juli 2026 nahe an den Spitzenmenschen – 31 zu 36 Punkten. Einige menschliche Superforecaster geben zu, dass sie nicht mehr sicher sind, die Bots zu schlagen.

Der Metaculus Cup ist ein regelmäßiger Wettbewerb mit etwa 50 Fragen wie „Wer gewinnt die nächste Wahl in Nepal?“. Im jüngsten Turnier belegten Menschen die ersten zwei Plätze, Preseens KI wurde Dritter. Glück spielt immer eine Rolle, daher sind Menschen und Maschinen statistisch gesehen gleichauf. Die laufende Sommerrunde zeigt: Zwei menschliche Top-Forecaster aus dem Frühjahr sind wieder in den Top Ten, aber auch zwei KIs haben diesen Rang gehalten. Es erinnert an John Henry, der gegen eine dampfbetriebene Bohrmaschine antrat, knapp gewann und dann tot umfiel. „Die Menschen halten noch durch, aber für wie lange?“, fragt der Autor. Die Metaculus-Nutzer selbst geben der KI eine 15-prozentige Chance, den aktuellen Sommer-Cup zu gewinnen, und eine 95-prozentige, dass vor 2030 ein Bot den Gesamtsieg holt.

Wenn KIs noch nicht klar besser sind als Menschen, wie kommen dann die astronomischen Gewinne an den Prognosemärkten zustande? Der Autor nennt drei Gründe. Erstens: Die besten menschlichen Superforecaster könnten ebenfalls den Markt schlagen – sie sind schließlich die Crème de la Crème. Hedgefonds wie Bridgewater versuchen, solche Leute zu rekrutieren. Zweitens: KIs sind schneller und fleißiger. Ein Mensch braucht Stunden, um eine Marktineffizienz zu erkennen und setzt ein paar tausend Dollar um. Eine KI macht das parallel für hunderte Märkte pro Woche. Der Gründer, der aus 35 Dollar 2 Millionen machte, gab zu, dass er diesen Erfolg nicht wiederholen könne – seine KI habe bereits alle leichten Gewinne abgeschöpft und andere Bots konkurrieren jetzt mit ihm. Drittens: Im Finanzbereich haben KIs einen speziellen Vorteil. Dort sind die Daten klar abgegrenzt und zugänglich. Im Metaculus Market Pulse, einem reinen Finanzwettbewerb, schlug Preseens Bot alle Menschen, inklusive des starken Konkurrenten MarcosO. Dass nicht alle großen Tradingfirmen umgestiegen sind, mag an Geheimhaltung liegen – Jane Street baut jedenfalls ein eigenes Rechenzentrum.

Die beste Zusammenfassung: Die besten menschlichen Superforecaster und die besten Bots sind kaum zu unterscheiden. Im Finanzbereich sind die Bots einen Tick besser, in allen anderen Bereichen die Menschen. Aber selbst wenn die KIs sich nicht weiter verbessern – was würde das bedeuten? Dass sie genauso gut sind wie Menschen. Das allein ist revolutionär. Denn menschliche Superforecaster sind schwer zu finden, teuer, langsam und brauchen Umstände, um ihre Arbeit zu erklären. Eine KI kann jederzeit für kleines Geld eingesetzt werden, liefert Ergebnisse in Minuten statt Wochen und dokumentiert ihre Quellen lückenlos. Unternehmen, Regierungen, sogar Privatleute könnten plötzlich hochwertige Wahrscheinlichkeiten für jede Frage bekommen – von Aktienkursen über Epidemien bis zu geopolitischen Konflikten.

Das verändert mehr als nur Prognosemärkte. Wenn KIs die Zukunft ähnlich gut vorhersagen wie die besten menschlichen Experten, wird das unsere Entscheidungsfindung verändern. Nicht als Hellseherei, sondern als rationale, datengetriebene Unsicherheitsquantifizierung. Unternehmen könnten Strategien risk-adjusted planen, Politiker Szenarien durchrechnen, jeder von uns könnte eine realistische Einschätzung bekommen, ob sich eine Ausbildung oder ein Hauskauf lohnt. Aber es gibt auch Risiken: Wenn alle dieselben Vorhersagemodelle nutzen, könnten sie sich gegenseitig aufheben oder systemische Fehler verstärken. Betrug und Manipulation werden einfacher, wenn jemand behauptet, seine KI habe eine bestimmte Chance errechnet. Die Regulierung muss sich anpassen.

Scott Alexander schließt nüchtern: Noch ist die beste KI nicht besser als der beste Mensch, aber sie ist billiger, schneller und skalierbar. Das reicht, um die Welt zu verändern. Vielleicht erleben wir die Geburtsstunde einer neuen Industrie – der industriellen Vorhersage. Während die Diskussionen auf Metaculus toben, sammeln die ersten Firmen Milliarden. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann die Maschinen die Menschen einholen. Und was wir dann mit dieser Fähigkeit anfangen werden.

Quelle: astralcodexten.com

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Sebastian Krötzsch
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Sebastian Krötzsch

Sebastian Krötzsch schreibt auf sebask.de über Künstliche Intelligenz, Automatisierung, digitale Systeme und die Frage, was davon im Alltag wirklich nützlich ist. Ohne Buzzword-Nebel, dafür mit klarem Blick auf Praxis, Tools und echte Wirkung.