Die Dominanz von VMware im Virtualisierungsmarkt bröckelt. Der Prozess dauert bis Oktober 2027 und folgt einem festen Zeitplan. Drei Stichtage zwingen zehntausende Kunden, ihre IT-Strategie zu überdenken. Broadcom nimmt die Zersplitterung des Marktes bewusst in Kauf. Eine Revolution ist das nicht, aber eine schleichende Neuverteilung.
Zwanzig Jahre lang floss der Virtualisierungsmarkt durch ein einziges breites Flussbett. Jetzt teilt Broadcom es in viele kleine Rinnsale. Keines wird so mächtig wie das alte, aber zusammen führen sie mehr Wasser. Broadcom, der neue Eigentümer von VMware, schaut gelassen zu. Die Konkurrenz sieht ihre Chance.
Was Broadcom mit VMware vorhat
Klassische VMware-Produkte gibt es nicht mehr zu kaufen. vSphere und vCenter, einst die Herzstücke der Server-Virtualisierung, sind nur noch Teil von VMware Cloud Foundation (VCF). Das Paket bündelt Rechenleistung, Speicher und Netzwerk-Virtualisierung zu einer privaten Cloud. Es kostet meist deutlich mehr als die letzte Rechnung vor der Übernahme. Wer nicht alle Komponenten nutzt, zahlt trotzdem den vollen Preis.
Broadcom konzentriert sich auf etwa 10.000 bis 30.000 Großkunden, die VCF als künftige Infrastruktur- und DevOps-Plattform einsetzen wollen. Die übrigen der ehemals rund 350.000 VMware-Kunden gehören nicht mehr zur Zielgruppe. Sie sollen ihren VMware-Einsatz reduzieren oder die Plattform ganz verlassen. Broadcom hat das nie laut gesagt, aber auch nie verheimlicht.
Drei Stichtage setzen den Zeitplan
Drei Daten bestimmen die Übergangsphase. Der erste ist der 22. November 2026 – der dritte Jahrestag der Broadcom-Übernahme. Viele Kunden hatten vor dem Abschluss der Akquisition Mehrjahresverträge abgeschlossen, um steigenden Preisen zuvorzukommen. Diese Verträge laufen nun aus. Neuverhandlungen finden zu Broadcoms Konditionen statt.
Der zweite Stichtag ist der 31. März 2027. An diesem Tag enden die Verträge mit den Mitgliedern des VMware Cloud Service Provider-Programms. Partner, die bisher VMware-basierte Cloud-Dienste anboten, dürfen dann keine VCF-gestützten VMs mehr bereitstellen. Kunden, die ihre Workloads in solchen Clouds laufen lassen, brauchen eine neue Umgebung. Meist kaufen sie direkt bei Broadcom eine VCF-Lizenz oder folgen ihrem bisherigen Partner zu einer alternativen Plattform.
Der dritte Termin ist der 11. Oktober 2027. An diesem Tag endet der Support für Version 8 von VMware Cloud Foundation. Wer weiterhin Unterstützung für seine virtuellen Maschinen will, muss auf VCF 9 upgraden oder die Plattform wechseln. Bis dahin müssen die Weichen gestellt sein.
Die Stimmung bei Partnern und Kunden
Ärger und stille Resignation dominieren. Rimini Street, ein Anbieter von Drittanbieter-Support, meldet: VMware-Support ist das am schnellsten wachsende Geschäftsfeld. Das Niveau ist allerdings niedrig. Cisco hat einen eigenen Hypervisor entwickelt, um Kunden eine Alternative zu bieten. Der australische Dienstleister Centorrino ist vor dem März-2027-Termin von VMware auf SUSE gewechselt und nimmt seine Kunden mit. Sein CEO Adam Centorrino versteht Broadcoms Entscheidung als nüchternen Geschäftsschnitt. Dass das Unternehmen Behördenkunden als Partner verliert, kann er nicht nachvollziehen.
Tesco und Allstate haben Broadcom verklagt. Ob aus Verärgerung oder Kalkül, bleibt offen. Fest steht: Wer sich von VMware löst, muss nicht lautlos gehen.
Was die VMware-Rivalen ehrlich zugeben
Die Konkurrenten wissen: Keiner kann VMware technisch vollständig ersetzen. Red Hat, Acronis, Sangfor, Nutanix und SUSE geben auf Nachfrage zu, dass ihre Produkte nicht in jedem Detail mithalten. Es fehlt ihnen die Gruppe von Virtualisierungs-Spezialisten, die VMware über Jahrzehnte aufgebaut hat. Im unteren Marktsegment genügt eine solide Plattform für grundlegende Server-Virtualisierung – von einem Unternehmen, das langfristig bleibt. Kleine Anbieter setzen auf Linux KVM und versorgen damit 10- bis 20-Personen-Betriebe, die von VMware geflohen sind.
Acronis und Parallels zielen auf ehemalige VMware-Partner und vermieten Cloud-VMs an VMware-Aussteiger. Sangfor punktet mit Memory-Tiering, das mit VMware vergleichbar ist. Über die eigene Herkunft aus China spricht das Unternehmen ungern. Am anderen Ende des Spektrums setzen die Großen auf Kubernetes-Distributionen. Sie sehen Virtualisierung als ausgereifte Technik, die sich für moderne Workloads – vor allem KI – fit machen lässt. SUSE, Nutanix und Red Hat versprechen, künftige Lasten zu tragen und bestehende virtualisierte Anwendungen problemlos zu hosten.
Wer tatsächlich gewinnt
Die Zahlen zeigen die Verschiebung. Nutanix gewinnt pro Quartal Hunderte ehemalige VMware-Kunden. Red Hat hat seit dem Start seines Virtualisierungsangebots Aufträge über 680 Millionen Dollar hereingeholt – VMware registriert das aufmerksam. HPE ist mit VM Essentials in den Markt eingestiegen, einem Produkt näher an vSphere als an einer privaten Cloud, und meldet „hohe zweistellige Wachstumsraten bei neuen Kunden“. Proxmox ist die Lieblingsmarke der Tüftler. Das Projekt drängt mit Kubernetes-Integration in größere Rechenzentren und begeistert Administratoren nach dem ersten Test.
All diese Anbieter kämpfen um Hunderte bis Tausende meist kleinerer Kunden. Nutanix tritt bei Großkunden direkt gegen VMware an und gewinnt auch dort vereinzelt. Red Hat gilt als der Rivale, den VMware am ernsthaftesten fürchtet – weil die Plattform als ausgereift für Kubernetes gilt und gleichzeitig VMs kompetent hosten kann.
Was am Ende übrig bleibt
VMware wird die meisten Kunden behalten, die es behalten will – möglicherweise sogar die größte Anzahl insgesamt. Aber mehr Nutzer werden auf konkurrierender Technik sitzen als auf ESXi, und die meisten davon werden KVM in irgendeiner Form einsetzen. Bei den lukrativen Großkunden wird VMware weiterhin präsent sein, dort aber nicht mehr alleine die IT-Landschaft dominieren. Stattdessen tritt die Firma als einer von mehreren Infrastrukturanbietern auf. Jeder von ihnen muss seinen Teil des Stacks im Griff haben.
Die Position, die Broadcom anstrebt, ist damit erreicht: ein fokussiertes Geschäft mit margenstarken Großkunden, weniger Komplexität, weniger Supportfälle. Auf der Konferenz dieser Woche dürfte es keine dramatische Kursänderung geben. Stattdessen sind weitere Verbesserungen zu erwarten, die VCF zu einer stärkeren Container- und KI-Plattform machen. Memory-Tiering wird als Antwort auf hohe Hardwarepreise positioniert, möglicherweise ergänzt durch bessere Unterstützung für ältere Hardware oder ARM-basierte Server in Hyperscale-Clouds. Die drei Stichtage wird Broadcom wohl nicht erwähnen. Das Unternehmen ist überzeugt, dass kein Konkurrent VMware technisch überflügeln kann.
Was das für eure IT-Planung bedeutet
Setzt ihr VMware ein, solltet ihr eure Plattform jetzt neu bewerten. Prüft zunächst, welche VMs wirklich auf VCF angewiesen sind und welche auch auf einem schlanken KVM-Host laufen würden. Damit bekommt ihr Verhandlungsspielraum. Schaut euch die Vertragslaufzeiten an: Viele Mehrjahresverträge laufen bis Ende 2026 oder 2027 aus, danach greifen die neuen Konditionen. Plant eine Migration oder zumindest eine Reduzierung des VMware-Einsatzes, bevor der Support für VCF 8 im Oktober 2027 endet.
Ein Wechsel ist keine einfache Kopie. Wer auf Proxmox, Nutanix oder Red Hat Virtualization setzt, muss ehrlich prüfen, ob die eigenen Admins das Know-how mitbringen. Ein Dienstleister mit VMware-Erfahrung kann den Übergang abfedern. Die Konkurrenz nimmt VMware-Aussteiger auf, aber nicht überall ist sie gleich gut aufgestellt. Die Virtualisierungswelt wird nicht zusammenbrechen, sie verteilt sich nur neu. Wer den Wechsel vorausschauend plant, steht in der fragmentierten Landschaft besser da.
Quelle: theregister.com
