Der Computer, der half, den Zweiten Weltkrieg zu gewinnen: Colossus und die Geburt der digitalen Ära

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Du sitzt am Computer und willst eine vertrauliche Nachricht verschicken. Ein Klick, die Verschlüsselung erledigt den Rest. Heute Alltag. Vor achtzig Jahren anders. Die Alliierten kämpften im Zweiten Weltkrieg gegen ein deutsches Verschlüsselungssystem. Es war so komplex, dass ein neuer Maschinentyp nötig wurde: der erste programmierbare elektronische Digitalcomputer. Der Historiker B. Jack Copeland beschreibt im IEEE Spectrum die Geschichte dieser Maschine – Colossus – und wie sie half, den Krieg zu entscheiden. Die Geschichte zeigt, wie aus einer militärischen Notwendigkeit eine Technologie entstand, die bis heute wirkt.

Im Sommer 1941 hörte eine britische Funkerin etwas Ungewöhnliches. Kein vertrautes Morsezeichen, sondern ein rhythmisches Wabern. Ein Bericht nannte es „seltsame neue Musik“. Es war der binäre Telex-Code einer neuartigen deutschen Verschlüsselungsmaschine, fortschrittlicher als die Enigma. Die Briten nannten sie „Tunny“ – Thunfisch. Ein Codename, der an die Tradition erinnerte, Verschlüsselungen nach Fischen zu benennen. Die Maschine stammte von der Firma C. Lorenz in Berlin. Das wussten die Codeknacker nicht. Sie standen vor einem Rätsel.

Der entscheidende Hinweis kam von einer Eigenart der abgefangenen Nachrichten: Jede begann mit einer unverschlüsselten Liste von zwölf deutschen Namen – Anton, Bertha, Dora. Die Briten vermuteten zwölf Räder in der Maschine. Die Namen gaben wohl die Einstellungen vor. Ein glücklicher Zufall half: Der Codeknacker John Tiltman fing zwei Nachrichten ab, die mit derselben Namensliste begannen. Die zweite war eine Wiederholung der ersten mit kleinen Unterschieden. Tiltman entschlüsselte beide Texte. Dem jungen Mathematiker Bill Tutte lieferte das genug Material, um die Funktionsweise der Lorenz-Maschine vollständig zu rekonstruieren. Seine Beschreibung war präzise.

Aber die Verschlüsselung zu verstehen reichte nicht. Man musste auch die Radstellungen im Einzelfall kennen. Alan Turing, der bereits die Enigma geknackt hatte, erfand eine Methode namens „Turingery“. Sie beruhte auf einem Trick, dem Delta-Verfahren: Buchstaben auf Bitebene addieren, quer, ergibt Informationen über die Radstellungen. Ein Jahr lang war Turingery die einzige Waffe gegen Tunny. Die Alliierten entzifferten 1,5 Millionen Buchstaben deutscher Geheimtexte – darunter oft Befehle, die Hitler selbst unterzeichnet hatte. Das brachte wichtige Informationen.

Dann verschwanden die Namenslisten am Anfang der Nachrichten. Die deutschen Bediener wurden vorsichtiger. Turingery verlor an Wirkung, weil es auf Fehlern der Gegenseite beruhte. Tutte entwickelte eine neue statistische Methode, die ohne diese Fehler auskam. Sie nutzte die mathematischen Eigenschaften der Maschine. Allerdings erforderte sie enorme binäre Berechnungen. Von Hand hätte eine einzige Nachricht Monate gedauert. Man brauchte eine Maschine, die diese Arbeit automatisierte.

Hier kam Tommy Flowers ins Spiel. Flowers war Ingenieur bei der britischen Post und hatte Erfahrung mit tausenden Elektronenröhren. Damals galten Röhren als unzuverlässig, weil die heißen Glühfäden schnell durchbrannten. Flowers hatte entdeckt, dass sie stabiler waren, wenn man sie dauerhaft eingeschaltet ließ. Er schlug vor, einen vollständig elektronischen Rechner zu bauen – ohne langsame Relais. Das war neu. Niemand hatte zuvor einen Computer mit so vielen Röhren gebaut. Flowers setzte sich durch und entwickelte Colossus, den ersten großen programmierbaren elektronischen Digitalcomputer. Die Maschine wog etwa eine Tonne und füllte einen ganzen Raum.

Colossus wurde in Bletchley Park aufgestellt. Er arbeitete schnell – erledigte die statistischen Berechnungen in Stunden statt Monaten. Bedient wurde er von jungen Frauen wie Dorothy Du Boisson und Elsie Booker. Sie sitzen auf historischen Fotos konzentriert vor den Schalttafeln. Die Maschine las Lochstreifen mit den abgefangenen Signalen und zählte, wie oft bestimmte Bit-Muster vorkamen. Aus diesen Zahlen leiteten die Mathematiker die Radstellungen ab. Colossus war kein Universalcomputer, aber programmierbar – die Verkabelung ließ sich ändern, um verschiedene Algorithmen auszuführen.

Colossus lieferte Ergebnisse. Die Alliierten belauschten die Kommunikation zwischen dem deutschen Oberkommando und den Frontgenerälen. Sie erfuhren von Truppenbewegungen, Nachschubplänen und strategischen Entscheidungen, bevor diese ausgeführt wurden. Manche Historiker glauben, dass Colossus den Krieg um mehrere Monate verkürzt hat. Nach Kriegsende wurde die Maschine auf Befehl Churchills geheim gehalten und zerstört. Erst in den 1970er Jahren durften die Beteiligten darüber sprechen. Heute steht eine originalgetreue Rekonstruktion in Bletchley Park. 2026 wurde Colossus als IEEE-Meilenstein der Technikgeschichte geehrt.

Was hat das mit KI zu tun? Auf den ersten Blick wenig. Colossus war ein Spezialrechner, kein lernendes System. Aber seine Technik – schnelle, automatische Berechnungen – ist die Basis moderner Computer. Heutige KI-Systeme nutzen ähnliche statistische Methoden, wie Tutte sie entwickelte. Ohne die Vorarbeit von Flowers und Turing gäbe es keine Sprachmodelle, keine Bilderkennung, keine automatische Übersetzung. Colossus war ein früher Schritt hin zu den Computern, die heute Alltag sind.

KI bedeutet im Kern: Eine Maschine lernt aus Daten und trifft Entscheidungen. Colossus hat nicht gelernt, aber er verarbeitete Daten – mit einer Geschwindigkeit, die für Menschen undenkbar war. Die Prinzipien ähneln sich: Daten aufnehmen, Muster erkennen, Ergebnisse liefern. Damals halfen Binärzahlen, den Krieg zu verkürzen. Heute sind es Milliarden von Text- und Bilddaten, die unser Alltag nutzt.

Colossus zeigt: Große Durchbrüche entstehen oft aus konkreter Notwendigkeit. Die Ingenieure und Mathematiker analysierten, tüftelten, bauten. Keine Angst vor komplexen Problemen. Das ist auch heute hilfreich, wenn wir über KI-Anwendungen nachdenken. Kein Hype, sondern systematisches Verständnis. Colossus war ein Werkzeug – mächtig. KI von heute ist auch nur ein Werkzeug. Was wir daraus machen, liegt an uns.

Quelle: spectrum.ieee.org

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Sebastian Krötzsch
Autor

Sebastian Krötzsch

Sebastian Krötzsch schreibt auf sebask.de über Künstliche Intelligenz, Automatisierung, digitale Systeme und die Frage, was davon im Alltag wirklich nützlich ist. Ohne Buzzword-Nebel, dafür mit klarem Blick auf Praxis, Tools und echte Wirkung.