13 Stunden Rechenzeit, 98 getippte Anweisungen. So viel kostete ein Experiment über zwei Wochen Abende mit fünf Geräten aus dem Umfeld eines Entwicklers. Die Zahlen kommen aus den Protokolldateien der Agenten-Sitzungen: reine Arbeitszeit des Modells ohne lange Leerlaufphasen, dazu jede Eingabe des Menschen. Ergebnis: ein Mikrofon mit Klartext-Kommandozeile, eine Webcam, deren grüne Aufnahme-LED sich abschalten lässt, während sie weiter filmt, und eine WLAN-Leuchte, die beliebigen Schreibzugriff auf ihren Speicher erlaubt. Der Autor dokumentiert das Projekt in seinem Blog und nennt den Ablauf selbst unspektakulär.
Man kann Peripheriegeräte als kleine Wohnungen im selben Haus sehen. Jede hat eine eigene Haustür, eigene Elektrik, eigene Inneneinrichtung, aber alle hängen am selben Flur. Dieser Flur ist das USB-Kabel. Genau das macht sie interessant: Ein Gerät ist ein winziger Computer am größeren Rechner, mit Datenverbindung zum Host und fast immer einem Weg für Firmware-Updates. Ein Agent, der iterativ arbeitet, bekommt nach jedem Versuch Rückmeldung. Die Grenze zwischen deinem Rechner und dem, was daran steckt, ist dünner, als viele annehmen.
Fünf Geräte, derselbe Ablauf
Laut Autor lief es bei allen Geräten fast gleich. Zuerst kommen Firmware und passendes Update-Werkzeug vom Hersteller, dann beides in eine vorbereitete Reverse-Engineering-Umgebung. Danach bekommt das Sprachmodell — hier Claude Opus 5 — eine Zielbeschreibung, und der Zyklus aus Analysieren, Ausprobieren und Nachbessern läuft weitgehend selbstständig. Die Ziele unterschieden sich: mal das Verhalten einer Leuchtdiode, mal ein nerviges Overlay im Bildschirmmenü, mal nur die Frage, wie tief man in die Firmware sehen kann.
Die Ergebnisse stehen als Repositories mit automatisch erzeugter Dokumentation und Skripten bereit, laut Autor größtenteils live gegen echte Hardware geprüft. Er hat die Erkenntnisse auch an die Hersteller geschickt. Der Aufwand verteilt sich: Das komplizierteste Gerät brauchte 4,2 Stunden Agentenarbeit und 32 Eingaben, das einfachste 1,2 Stunden und 13 Eingaben. Ein Gerät wurde über Nacht völlig unbeaufsichtigt bearbeitet und war am nächsten Morgen zerlegt, mit funktionierendem Firmware-Updater. Damit geht es nicht mehr nur um Bastelprojekte, sondern um Angriffsflächen.
Insta360 Link: Aufnahme läuft, LED bleibt dunkel
Die Insta360 Link ist eine schwenk- und neigbare Webcam mit Gesichtsverfolgung. Mit 3,7 Stunden und 33 Eingaben war sie das zweitaufwendigste Objekt. Der Autor wollte wissen, ob sich die Aktivitätsanzeige manipulieren lässt — inspiriert vom iSeeYou-Angriff auf ältere Macbooks. Gefunden hat er mehr Komplexität als erwartet: In der Kamera läuft ein Echtzeitbetriebssystem (ThreadX) von Ambarella, dazu mehrere kleine Bildmodelle für Gesichtsverfolgung und Gestenerkennung. In einem Gehäuse von der Größe einer Streichholzschachtel sitzt also ein kleiner Rechner mit eigener Software.
Der erste Weg nach innen ist ein Kommando über die USB-Video-Klasse, das die Kamera in einen Massenspeichermodus versetzt. Danach lässt sich vorbereitete Firmware auf das interne FAT-Dateisystem schieben; das Gerät wendet sie beim Neustart an. Das verlangt aber einen Eingriff des Nutzers: aus- und einstecken. Ein zweiter Kanal über die herstellerspezifische USB-Klasse erlaubt beliebiges Lesen und Schreiben von Dateien plus einen Neustartbefehl. Damit lässt sich die Kamera ohne Interaktion neu beschreiben. Als Schutz dient nur ein angehängter MD5-Hash. Die Leuchtdiode steuert eine Tabelle von Mustern, die je nach Gerätezustand Farben und Blinkfolgen festlegt. Der Autor ließ ein Werkzeug schreiben, das den Eintrag für den Aufnahmezustand entfernt und den Hash neu berechnet. Nach dem Flashen blieb die grüne LED beim Filmen aus. Ein Schönheitsfehler aus Angreifersicht bleibt: Der Gimbal fährt ohne Aufnahme nach unten, völlig unsichtbar ist der Betrieb also nicht.
Monitor und Video-Capture: kaum Schutz
Beim ASUS ROG Swift PG42UQ war der Auslöser kein Sicherheitsthema, sondern ein Ärgernis: ein Overlay, das regelmäßig zur Pixelreinigung auffordert. Der Autor hat die Funktion nie freiwillig gestartet und will den Hinweis dauerhaft loswerden. Die Analyse zeigte praktisch keinen Schutz in der Firmware — zwei Slots nach A/B-Schema und eine einfache Prüfsumme, mehr nicht. Der Update-Weg läuft über einen I2C-Bus, der über USB gebrückt ist. Einen regulären Schalter zum Abschalten der Erinnerung gibt es nicht; sie erscheint hartkodiert nach acht Betriebsstunden. Die passende Patch-Stelle wurde gefunden, das geflashte Image hat der Autor aber noch nicht aufgespielt — der Monitor war ihm für erste Versuche zu teuer.
Nebenbei kam etwas Harmloseres heraus: Die DDC/CI-Schnittstelle, also der Steuerkanal über das Displaykabel, lässt sich mit einem Shell-Skript bedienen. Damit schaltet man Hardwarespielkreuz, Zoom-Overlays, FPS-Zähler oder einen Countdown-Timer um, ohne die Windows-Software des Herstellers. Der Elgato Cam Link 4K lief komplett unbeaufsichtigt durch: 1,5 Stunden, 10 Eingaben über Nacht, Ergebnis ein Teardown plus funktionierender Firmware-Updater. Die Firmware enthält ein MCU-Image und einen FPGA-Bitstream für die HDMI-Verarbeitung; der Update-Pfad ist nicht geschützt. Immerhin fielen die vollständigen EDID-Daten an, also Auflösungen, Bildwiederholraten, Farbräume und Chroma-Subsampling-Optionen, die das Gerät aushandelt. Das herstellerspezifische HID-Protokoll bietet zusätzlich einen getunnelten Zugang zum internen I2C-Bus, über den sich Register des HDMI-Empfängers direkt ansprechen lassen.
Shure MV7: eine Klartext-Shell im Mikrofon
Beim Shure MV7 war das Motiv praktischer Nutzen, nicht Neugier: Der Autor betrieb das Mikrofon unter Linux und wollte die Firmware aktualisieren, was offiziell nur über die Windows-Software MOTIV Mix geht. Er installierte das Programm in Wine, fand den Update-Server und lud die Firmware direkt herunter. Das Image enthält DSP- und MCU-Anteile; der Flashvorgang ist wieder unbewacht. Der eigentliche Fund lag im Update-Protokoll: Die Kommunikation läuft über eine herstellerspezifische USB-HID-Klasse und bildet eine Klartext-Kommandozeile mit 48 Befehlen ab.
Weil HID ist, was es ist, lässt sich diese Shell über WebHID direkt aus einer Webseite im Chrome-Browser ansprechen — der Autor ließ dafür eine Oberfläche bauen. Geboten werden ein Dutzend DSP-Regler, beliebiges Lesen und Schreiben von Speicher, LED-Steuerung und ein vierstufiges Rechtesystem. Dessen gesamte Authentifizierung ist ein Stringvergleich mit dem Namen der gewünschten Stufe. Ein Kommando auf die oberste Ebene genügt, um sie zu erhalten. Von dort lässt sich das Touchpanel deaktivieren, sodass man am Gerät nicht mehr stumm schalten kann, und die Stummschalt-LED unabhängig vom tatsächlichen Zustand ansteuern. Derselbe Trick wie bei der Webcam, nur einen Meter weiter links auf dem Schreibtisch.
Elgato Key Light Mini: Signatur ja, Secure Boot nein
Die Key Light Mini war das einzige Gerät ohne USB-Verbindung und das einzige mit echtem Integritätsschutz: Elgato signiert Firmware-Updates mit Ed25519 über einen SHA-512-Hash, und das Gerät lehnt alles ab, was die Prüfung nicht besteht. Das ist konsequent, denn die Lampe hängt im WLAN und bietet jedem im selben Netz unauthentifizierten Zugriff — ein anderes Bedrohungsmodell als bei einem USB-Gerät. Der Haken ist der Zeitpunkt: Die Signatur wird nur während eines Updates geprüft, nicht beim Start durch einen Bootloader. Es gibt keinen Secure Boot, und der Updater läuft, während der Rest des Geräts schon in Betrieb ist. Angriffsfläche entsteht damit genau dort, wo die Prüfung stattfindet.
Der Agent fand eine Hintertür: ein HTTP-POST, der eine Nutzlast direkt in den internen UART schreibt, inklusive eines Befehls zum Schreiben in den Speicher. Ein einziges POST mit dem Kommando ATSE=0200ED94,0E001009 macht die Signaturprüfung wirkungslos; danach lässt sich beliebige Firmware einspielen. Getestet wurde das mit einem harmlosen Patch, der den Gerätenamen ändert. Der Rat des Autors ist deutlich: Diese Lampe gehört nicht in ein Netz, dem man nicht vollständig vertraut.
Warum ein Mikrofon ein Mikrofon bleiben muss
Der Autor sieht das Ergebnis zwiegespalten. Für Interoperabilität und Reparierbarkeit ist es gut: Hardware ist mit ein paar Stunden überwiegend unbeaufsichtigter Maschinenarbeit praktisch offen für Eingriffe, und Features in der Webcam-Firmware dürften irgendwann so nachrüstbar sein wie Programme auf einem Linux-Rechner. Als Sicherheitsfachmann sieht er mehrere Entwicklungen mit Unbehagen. Wer heute einen Rechner benutzt, muss laut seiner Einschätzung damit rechnen, dass jedes angeschlossene Gerät bereits ein bösartiges Firmware-Implantat tragen könnte — eine Fähigkeit, die früher pro Modell aufwendig entwickelt werden musste und als staatliche Aktivität galt.
Das Problem ist strukturell: Betriebssysteme sind nicht darauf ausgelegt, mit dem Nutzer gemeinsam sicherzustellen, dass ein Mikrofon ein Mikrofon bleibt und sich nicht in eine Tastatur verwandelt, die bei ausreichender Stille ein Tastenkürzel auslöst und Daten abgreift. Dazu kommen WebUSB, WebHID und WebBluetooth: Je nach Geräteklasse kann ein einmal erteilter Berechtigungsdialog im Browser ein angeschlossenes Gerät dauerhaft kompromittieren. Netzwerkfähige Geräte sind nach Einschätzung des Autors derzeit nahezu flächendeckend ungeschützt. Konkret heißt das: USB-Zubehör wie fremden Code behandeln, WebHID- und WebUSB-Anfragen so zurückhaltend wie Adminrechte erteilen, WLAN-Geräte in ein getrenntes Netz stellen und bei Firmware-Updates prüfen, ob der Hersteller überhaupt Signaturen prüft — oder nur eine Prüfsumme anhängt. Eine Signatur ist eine verschlossene Tür, eine Prüfsumme nur ein Zettel, auf dem steht, dass sie zu ist.
Quelle: schlarp.com
