GPT-6 Astra entschlüsselt alte Enigma-Nachricht: Wie eine KI den ROSENOW-Crib nutzte

Nahaufnahme von Netzwerk-Switches und Patchkabeln in einem schwach beleuchteten Serverraum
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Nummer 172 ist eine Enigma-Nachricht, die auf der Website von Crypto Cellar Research als ungebrochen geführt wurde. Bruce Schneier machte sie in seinem Blog zum Ausgangspunkt eines Beitrags, den er mit „ziemlich erstaunlich“ einleitet. Am 22. September 2026 zitierte er einen Bericht von Crypto Cellar Research, wonach ein Sprachmodell namens GPT-6 Astra die Nachricht entschlüsselt hat – und zwar, das hebt der Bericht als das Erstaunlichste hervor, vollständig selbstständig.

Was auf der Liste der ungebrochenen Nachrichten stand

Carter Leffer, der das Experiment durchführte, wies GPT-6 Astra an, zu prüfen, ob es eine der ungebrochenen Enigma-Nachrichten auf der Website von Crypto Cellar Research knacken könne. Das Modell sah sich die Liste an und entschied, dass Nummer 172 mit der Kennung MVUEH die aussichtsreichste Kandidatin sei. Außerdem vermutete es früh, dass Nummer 173 mit der Kennung SIPVX inhaltlich mit MVUEH zusammenhängen könnte. Diese Vermutung setzt eine Arbeitsweise voraus, die über reines Durchprobieren hinausgeht.

Warum eine kurze Nachricht leichter zu brechen sein kann als eine lange? Nicht wegen der Länge, sondern weil sich im Text womöglich ein bekanntes oder erratbares Klartextstück findet. GPT-6 Astra probierte laut dem Bericht viele Ansätze aus, bevor es sich auf einen konzentrierte. Erst breit suchen, dann gezielt eingrenzen — das unterscheidet Kryptanalyse von blindem Raten.

Der wiederholte Ortsname ROSENOW als Crib

Der Durchbruch kam über einen Crib. So nennt man in der Kryptanalyse ein Stück Klartext, von dem man mit hoher Wahrscheinlichkeit weiß, dass es in der Nachricht vorkommt. Man kann sich das vorstellen wie ein Kreuzworträtsel mit fast leeren Feldern, in das ein einziges Wort schon eingetragen ist — dieses Wort verrät die Struktur des Gitters. Für MVUEH wählte GPT-6 Astra den wiederholten Ortsnamen ROSENOW ROSENOW als Crib. Dass ein Ortsname doppelt auftaucht, hilft, weil die Wiederholung zusätzliche Prüfpunkte liefert.

Mit diesem Crib begann das Modell den Bruch. Ziel war nicht, eine Buchstabenfolge zu raten, sondern die Walzenstellung und die Steckerverbindungen zu finden, unter denen der Crib an der richtigen Stelle im Geheimtext erscheint. Das leistet die Enigma-Bombe: Sie prüft viele Kombinationen und schließt falsche Kandidaten aus. Am Ende standen der Schlüssel und der Klartext von MVUEH. Die Wahl des Cribs war kein Zufallstreffer, sondern eine Hypothese, die sich bestätigt hat.

Eine KI, die sich Enigma-Simulator und Bombe selbst baut

Der ungewöhnlichste Teil des Berichts betrifft die Werkzeuge. GPT-6 Astra entwickelte laut dem Bericht die nötige Software selbst: einen Enigma-Simulator und eine Enigma-Bombe, in Python und C++. Das Modell hat nicht geraten, sondern sich das Instrumentarium gebaut, mit dem ein solcher Bruch überhaupt möglich ist. Dass eine Maschine eine Maschine nachbaut, die Menschen einst gegen eine andere Maschine konstruierten, hat eine eigene Ironie.

Die Bombe ist kein Zufallsgenerator, sondern ein Ausschlussverfahren. Sie nutzt logische Widersprüche, um falsche Schlüsselkandidaten zu verwerfen, und geht davon aus, dass ein bestimmter Crib im Text vorkommt. Wer an Bletchley Park denkt, kommt an Alan Turing und Gordon Welchman nicht vorbei, die diese Methode im Zweiten Weltkrieg entwickelten. Ein Kommentator auf Schneiers Blog schrieb, die Vorstellung, dass ein Modell heute selbst eine Bombe baut, rufe die Arbeit jener Jahrzehnte zurück, in denen polnische Vorarbeiten und später britische Maschinen den Weg bereiteten.

Bundesarchiv-Dateien und die offene Frage nach den Logs

Unklar bleibt, wie GPT-6 Astra an bestimmte Quellen gelangte. Ein Kommentator unter Schneiers Beitrag zitiert aus dem Bericht: Die Dateiverweise des Modells sind korrekt, die Dateien aber nicht auf der Website von Crypto Cellar Research verfügbar. Die Rede ist von einer Privatsammlung, und es bleibt offen, ob das Modell auf die digitalisierten Bestände des Bundesarchivs zugegriffen hat. Die Signaturen lauten RS 3-3/20a und RS 3-3/63b — Primärquellen, wie Historiker sagen würden. Ihre Verwendung wäre für eine KI ein bemerkenswerter Schritt.

Frode Weierud, eng mit Crypto Cellar Research verbunden, äußerte sich in den Kommentaren zurückhaltend. Er bezweifelt, dass die Bundesarchiv-Dateien für den MVUEH-Bruch entscheidend waren, findet aber interessant, wie weit GPT-6 bei Primärquellen gegangen ist. Er räumt ein, nicht über alle Logs zu verfügen; nur Carter Leffer habe die vollständigen Aufzeichnungen. Möglich sei, dass sich das Modell mit einem Forscherkonto Zugang zum Bundesarchiv verschafft habe — sicher ist das nicht. Hier liegt die offene Frage des Falls.

Claude Opus 5 und die 63 Buchstaben vom 31. Juli 1941

Der Bruch von MVUEH blieb nicht folgenlos. Laut Weierud inspirierte er einen weiteren Angriff auf eine der ungebrochenen Nachrichten. Am 20. September 2026 wurde die 63 Buchstaben lange Nachricht Nr. 205 NF, auch als Nr. 285 FMNGI geführt, vom 31. Juli 1941 entschlüsselt — mit Unterstützung von Anthropic Claude Opus 5. Auch hier half ein Crib, diesmal XHARTJENSTEINX, eine sehr häufige Signatur. Wieder war es ein bekanntes Klartextstück, das den Weg durch den Schlüsselraum bahnte.

Auffällig ist die Arbeitsteilung. Bei MVUEH lieferte GPT-6 Astra den ganzen Ablauf von der Auswahl der Nachricht bis zur Bombe; bei der 63-Buchstaben-Nachricht half Claude Opus 5. Beide Fälle zeigen dasselbe Muster: Die KI ersetzt den Crib nicht, sie beschleunigt die Arbeit darum herum. Wer glaubt, eine KI könne Enigma ohne jede Klartextannahme brechen, unterschätzt die Mathematik dahinter.

Was der Doppelbruch für Kryptanalyse und Geschichtsschreibung bedeutet

Die Nachrichten von Crypto Cellar Research sind kein Zufallskorpus. Sie wurden über Jahre zusammengetragen, geprüft und als ungebrochen veröffentlicht — ein Archiv, das gerade deshalb taugt, weil es dokumentiert, was bislang nicht gelang. Dass innerhalb weniger Tage zwei dieser Nachrichten fielen, sagt weniger über einen plötzlichen KI-Durchbruch als über die Reife der Werkzeuge. Modelle können Code schreiben, Hypothesen ordnen und Ergebnisse gegen Quellen prüfen. Das ähnelt klassischer Kryptanalyse, nur schneller und ausdauernder.

Für die historische Kryptographie ist das eine gute Nachricht, solange die Ergebnisse überprüfbar bleiben. Ein entschlüsselter Text, der sich gegen Primärquellen wie Schiffslogbücher oder Archivbestände halten lässt, gewinnt an Gewicht. Ein Kommentator verweist auf ein verwandtes Beispiel, über das Tom’s Hardware berichtet: GPT-6 Astra knackte einen 108 Jahre alten deutschen Funkspruch von 1918, eine Warnung an die Schwarzmeerflotte, die gegen die Logbücher der HMS Canterbury verifiziert wurde. Die KI wird zum Recherchewerkzeug, das Quellen findet, Software baut und Hypothesen testet. Angewiesen bleibt sie auf den Menschen, der die Aufgabe stellt und die Ergebnisse prüft.

Quelle: schneier.com

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Redaktion 50 Stand 50 · noch keine Stimmen
Ist das Hype?
Sebastian Krötzsch
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Sebastian Krötzsch

Sebastian Krötzsch schreibt auf sebask.de über Künstliche Intelligenz, Automatisierung, digitale Systeme und die Frage, was davon im Alltag wirklich nützlich ist. Ohne Buzzword-Nebel, dafür mit klarem Blick auf Praxis, Tools und echte Wirkung.