Ein maßgeschneiderter Anzug: Früher dauerte das Wochen, heute liefert eine Maschine in Stunden ein perfektes Outfit. Ähnlich läuft es bei KI-generierten Videos. Unternehmen brauchen statt Wochen nur noch Stunden für einen Werbespot. Higgsfield ist das Startup, das die teuerste Maschine betreibt.
Higgsfield AI existierte vor März 2025 nicht. Fünfzehn Monate später verhandelt die Videoplattform über eine Finanzierungsrunde, die es mit fünf Milliarden Dollar bewertet – das Vierfache des Werts von Jahresbeginn. The Information berichtet, das Startup suche zwischen 300 und 500 Millionen Dollar. DST Global, der von Yuri Milner aufgebaute Fonds und früher Facebook-Investor, ist interessiert. Die Runde ist noch offen. Higgsfield hat diesen Monat eine annualisierte Umsatzrate von über 500 Millionen Dollar erreicht. Ende 2025 waren es 200 Millionen. Eine Plattform, kaum ein Jahr alt, verkauft sich mit einem halben Milliarde Dollar Jahresumsatz.
70 Prozent des Umsatzes kommen von Unternehmenskunden. Dieser Fokus auf Firmen unterscheidet Higgsfield von Konsumenten-Apps, die oft als Spielerei gelten. Marken wollen Anzeigenclips, Produktaufnahmen, Social-Media-Beiträge – in Stunden, nicht Wochen. Higgsfield verkauft Plätze pro Nutzer und Render-Vorgang. Das ist stabiler als virale Demos mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne. Investoren sehen die Einnahmen als nachhaltig an und zahlen hohe Bewertungen.
Gründer Alex Mashrabov gründete Higgsfield 2023. Zuvor leitete er die generative KI bei Snap und half beim Aufbau des Teams hinter Snapchat Lenses. Die Tools verwandeln Text und Bilder in Videos. Higgsfield generiert täglich etwa 4,5 Millionen Clips. Der Vorstoß ins Enterprise-Geschäft läuft auf NVIDIA-Hardware für hunderte Fortune-500-Marken.
Ein Spielfilm zeigt die Leistungsfähigkeit: Im Mai setzte ein 15-köpfiges Team Higgsfields System ein, um „Hell Grind“ zu produzieren, einen 95-minütigen Action-Fantasy-Film. Dreharbeiten dauerten 14 Tage, Kosten unter 500.000 Dollar. Eine traditionelle Produktion würde Millionen Dollar und viele Monate kosten. Es geht nicht darum, ob der Film ein Meisterwerk ist. Sondern dass er existiert – gemacht von einer Handvoll Leuten in zwei Wochen.
Investoren sehen das Generieren von Bildern und Videos per Eingabeaufforderung als nächsten großen Ausgabenposten. Higgsfield steht in einem überfüllten Feld: Kling, Runway, Googles Veo, OpenAIs Sora. Kürzlich stand es mit Chinas Kling in Cannes auf einer Bühne, um KI-gemachte Werbespots zu präsentieren. Die Bewertungen spiegeln den Hype wider. Der Wert von Higgsfield hat sich in sechs Monaten vervierfacht – wie bei vielen anderen KI-Startups.
Dieser Anstieg wird durch ungewöhnlich viel Kapital getrieben. Risikokapitalfirmen sammeln Rekordsummen für KI-Fonds. Accel führte die letzte Runde im Januar an. Higgsfield hat das Geld schnell ausgegeben: Im September eine Series A über 50 Millionen Dollar, im Januar eine Erweiterung über 80 Millionen, jetzt eine Runde, die um ein Vielfaches größer ist. Wenn Kapital für KI so billig ist, kann ein Unternehmen mit echten Einnahmen schnell und hoch sammeln.
Doch Vorsicht: Die Runde ist noch nicht abgeschlossen, Verhandlungen können scheitern. Eine annualisierte Umsatzrate ist eine Momentaufnahme, kein Versprechen. Sie kann fallen – wenn ein billigerer Konkurrent oder ein besseres Modell auftaucht. Der KI-Videomarkt ist genau so ein Markt. Die größere Sorge: Billige, schnelle Videogenerierung belastet bereits Plattformen. YouTube geht härter gegen KI-„Slop“ vor, menschliche Kreative werden erfasst. Ein Werkzeug, das in zwei Wochen einen Spielfilm macht, kann auch einen Ozean an vergesslichen Clips produzieren. Higgsfield setzt darauf, dass Unternehmen für die gute Version zahlen, nicht für das Rauschen.
Das Wachstum ist real, der Zeitpunkt günstig. Ein Startup, das vor zwei Jahren nicht existierte, sammelt bei fünf Milliarden Dollar Bewertung – gestützt auf einen halben Milliarde Dollar Jahresumsatz. Ob das Bestand hat, hängt davon ab, ob die Videos weiter schneller besser werden, als die Preise fallen. KI-Video ist keine Spielerei mehr, sondern eine ernsthafte Industrie. Die Qualität entscheidet, nicht die Geschwindigkeit des Geldes.
Quelle: thenextweb.com
