KI-Umsatzwachstum: OpenAI und Anthropic auf Rekordkurs

Luftaufnahme eines Rechenzentrums-Campus bei Nacht mit Kuehlanlagen und Lichtspuren
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Zwei KI-Unternehmen melden ungewöhnlich hohe Umsatzsteigerungen. OpenAI hat seine jährliche Umsatzrate binnen zwölf Monaten von 13 auf über 40 Milliarden Dollar verdreifacht. Anthropic wuchs im selben Zeitraum von 1 auf 9 Milliarden Dollar und legte danach noch einmal zu. Solche Wachstumsraten kennt man sonst nur von Start-ups im ersten Jahr, nicht von Firmen mit Milliardenumsätzen.

Nimmt man beide Labore zusammen, zeigt sich das Ausmaß noch klarer. Laut einer Analyse von Epoch AI verdreifachten sich die kombinierten Einnahmen 2024, vervierfachten sich 2025 und wuchsen im laufenden Jahr erneut um das 3,5-Fache. Sie stiegen von 30 Milliarden Dollar im Januar auf 105 Milliarden Dollar im August. Damit erreichen die beiden Unternehmen eine Größenordnung, die man sonst von kompletten Industriezweigen kennt.

Die Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen. Anthropic und OpenAI bilanzieren unterschiedlich. Wenn Kunden Tokens über Cloud-Plattformen kaufen, verbucht OpenAI nur die Provision, die es selbst erhält. Anthropic setzt den vollen Betrag als Umsatz an. Das bläht die Zahlen von Anthropic im Vergleich zu OpenAI auf. Trotzdem wachsen beide Unternehmen so schnell wie kaum ein anderes in der Geschichte.

Die Zahlen: Von Milliarden zu zig Milliarden

OpenAI hatte im August 2025 eine jährliche Umsatzrate von 13 Milliarden Dollar. Ein Jahr später sind es über 40 Milliarden – fast eine Verdreifachung. Anthropic startete 2025 mit einer Milliarde, kam im Jahresverlauf auf 9 Milliarden und steigerte sich im ersten Quartal 2026 noch einmal um das Dreifache. Ende Juli lag die Rate laut Berichten bei 65 Milliarden Dollar.

Die Zahlen sind schwer vorstellbar, aber real. Exponential View, von Epoch AI zitiert, formuliert es so: Traditionelle Software-Unternehmen sehen ihre Wachstumsraten nach ein bis zwei Jahren Produktmarkt-Fit abflachen. OpenAI und Anthropic halten das Tempo, obwohl ihr Umsatz weit über einer Milliarde liegt. Es gibt kaum Beispiele für Unternehmen dieser Größe, die jährlich mehr als 100 Prozent wachsen. Zum Vergleich: Ein etablierter Konzern, der seinen Umsatz binnen eines Jahres verdoppelt, gilt als Ausnahmeerscheinung. OpenAI und Anthropic verdreifachen ihn — auf zweistelliger Milliardenbasis.

Der Ausgangspunkt spielt allerdings eine Rolle. Anthropic kommt von einem niedrigeren Niveau und holt gegenüber dem ehemals größeren Rivalen OpenAI auf. Epoch AI legt beide Labore zusammen, und das Ergebnis ist eindrucksvoller als die Einzelwerte. Das Wachstum der KI-Industrie hängt damit nicht an einem einzelnen Unternehmen, sondern an der gemeinsamen Dynamik der führenden Labore.

Warum 100 Prozent Wachstum so ungewöhnlich sind

Ein Unternehmen, das jährlich wächst, ist normal. Ein Unternehmen, das bei einem Umsatz von mehreren Milliarden Dollar weiterhin jährlich verdreifacht, ist das nicht. Je größer die Basis, desto schwerer fällt prozentuales Wachstum. Ein Schneeball, der einen Hang hinunterrollt, nimmt anfangs schnell an Masse zu, wird aber mit zunehmender Größe träger. Diese Grenze haben OpenAI und Anthropic bisher nicht erreicht.

Es geht nicht nur um die absolute Größe, sondern auch um die Dauer. Die Raten halten sich seit Jahren auf hohem Niveau, auch wenn sie schwanken: OpenAI wuchs 2023 um das Zehnfache, 2024 noch um das Dreifache. Das unterscheidet diese beiden Labore von typischen Modewellen. Bei früheren Technologien wie E-Commerce oder sozialen Netzwerken gab es Phasen mit hohem Tempo, danach kam die Ernüchterung. Hier treibt jede neue Modellgeneration den Umsatz weiter an – nicht einmalig, sondern immer wieder. Die anhaltend hohen Raten deuten darauf hin, dass KI-Unternehmen in einem Tempo skalieren, das vorher niemand für möglich gehalten hätte.

Der Markt selbst erklärt einen Teil des Wachstums. Die generative KI-Industrie nähert sich laut Schätzungen der „Exponential View“ einem Umsatz von 200 Milliarden Dollar pro Jahr. Das ist bereits ein Tausendstel der Weltwirtschaft. Fast zehn Milliarden Dollar monatlich für Sprachmodelle und KI-Agenten sprechen für einen realen Nutzen. Das ist kein Hype.

Wachstum durch Coding-Agenten

Die aktuellen Zuwächse kommen vor allem von Coding-Agenten. Diese spezialisierten KI-Systeme schreiben und überarbeiten Software-Code selbstständig. Etwa Ende letzten Jahres, als Anthropic Opus 4.5 veröffentlichte, wurden sie gut genug für den breiten Einsatz. Unternehmen testeten sie nicht mehr nur, sondern bezahlten dafür – im großen Stil. Dadurch sprang der Umsatz mit KI-Coding-Agenten nach oben und beschleunigte das Wachstum der Branche.

Das Muster erinnert an den Start von ChatGPT. Vor dem Chatbot war GPT-3 eine Nischenlösung, die OpenAI Einnahmen im zweistelligen Millionenbereich einbrachte. Mit ChatGPT und GPT-4 stieg die Nachfrage stark. Die jährliche Umsatzrate sprang 2023 auf eine Milliarde Dollar – ein zehnfaches Wachstum in einem Jahr. Danach verlangsamte sich die Kurve auf den Faktor drei. Analog könnte der Coding-Boom bald abflachen, sobald der erste Sättigungspunkt erreicht ist.

Welche weiteren Schwellen gibt es? Projekte über mehrere Wochen hinweg selbstständig durchführen? Büroarbeit automatisieren? Wenn solche Fähigkeiten in den nächsten Modellen stecken, würden sie neue Nutzungswellen auslösen. Niemand weiß, wie viele dieser Stufen es noch gibt. Die Wachstumskurven der KI könnten einer Abfolge von S-Kurven folgen: rasanter Anstieg, dann Abflachung.

Fortschritt oder Diffusion: Was treibt den Umsatz?

Die Analyse unterscheidet zwei Faktoren: Fortschritt und Diffusion. Fortschritt meint die Verbesserung der Modelle – mehr Fähigkeiten, bessere Ergebnisse. Diffusion beschreibt, wie stark sich die Nutzung in der Wirtschaft ausbreitet. Beides trägt zum Umsatz bei, aber die Dynamik ist unterschiedlich. Diffusion folgt einer Sättigungskurve: anfangs schnell, später langsam. Fortschritt kann immer neue Wachstumsrunden eröffnen, solange er anhält.

Die entscheidende Frage ist: Wachsen diese Unternehmen, weil immer mehr Menschen die gleiche Technologie nutzen, oder weil die Technologie nützlicher wird? Im ersten Fall lässt das Wachstum bald nach. Im zweiten Fall könnte es mehrere Jahre anhalten. Die bisherigen Daten deuten auf eine Mischung hin. Der Coding-Agenten-Boom spricht eher für Fortschritt: Eine verbesserte Fähigkeit hat eine neue Anwenderklasse erschlossen.

Ein dritter Aspekt ist die Rückkopplung der Investitionen. Höhere Einnahmen ermöglichen mehr Rechenleistung. Mehr Rechenleistung bedeutet bessere Modelle. Bessere Modelle führen zu mehr Einnahmen. Diese Schleife hat das Wachstum in den letzten Jahren stabilisiert. Solange sie läuft, ist ein Abflachen nicht in Sicht. Sie kann sich aber umkehren, wenn die Grenzkosten der Modelle steigen oder die Leistungsverbesserungen stagnieren.

Die Zukunft: Wann flacht die Kurve ab?

Die Zahlen sind eine Einordnung, keine Prophezeiung. Wenn die kombinierte Umsatzrate von OpenAI und Anthropic weiterhin jährlich um das Dreifache wächst, würde sie in sechs Jahren die heutige Weltwirtschaft erreichen. Das ist keine sinnvolle Prognose. Aber die Rechnung zeigt, wie extrem das Tempo ist. Entweder das Wachstum verlangsamt sich massiv – oder KI wird buchstäblich zur Wirtschaft.

Jedes Quartal mit sehr hohem Wachstum bestätigt: Es handelt sich nicht um eine gewöhnliche Technologie. Epoch AI weist darauf hin, dass selbst bei einem sofortigen Stopp der Modellentwicklung die Diffusion noch Monate oder Jahre anhielte. Die monatlichen zehn Milliarden Dollar sind also kein Strohfeuer. Sie zeigen den realen Nutzen, den Unternehmen aus der Technologie ziehen.

Die Umsatzzahlen dieser beiden Labore bleiben ein wichtiger Indikator. Sie sind ehrlicher als jede Benchmark-Zahl. Benchmarks sagen oft wenig über echte Arbeit; der Wert von KI zeigt sich im Geld, das Menschen und Firmen dafür ausgeben. Bleibt die Kurve auch im nächsten Jahr so steil, übertrifft die KI-Revolution alles bisher Dagewesene. Flacht sie ab, wäre das ebenfalls aufschlussreich: Es zeigte, wo die Grenzen des heutigen Fortschritts liegen.

Quelle: epochai.substack.com

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Sebastian Krötzsch
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Sebastian Krötzsch

Sebastian Krötzsch schreibt auf sebask.de über Künstliche Intelligenz, Automatisierung, digitale Systeme und die Frage, was davon im Alltag wirklich nützlich ist. Ohne Buzzword-Nebel, dafür mit klarem Blick auf Praxis, Tools und echte Wirkung.