Du sitzt in einem Café im Erdgeschoss eines Betonbaus. Dein Handy zeigt „Kein Netz“. Du schwenkst es, hältst es aus dem Fenster. Nichts. SpaceX will dieses Problem lösen. Das Unternehmen bringt Satelliteninternet in abgelegene Hütten. Jetzt plant es den Angriff auf etablierte Mobilfunknetze von AT&T, Verizon und T-Mobile.
Rohan Goswami und Liz Hoffman veröffentlichten die Nachricht exklusiv bei Semafor. SpaceX sucht Frequenzen für dichte Städte und Gebäude – Lücken, die Starlink bisher nicht schließt. Das Unternehmen erwägt den Kauf von Konkurrenten oder die Teilnahme an einer staatlichen Frequenzauktion im nächsten Jahr. Ein logischer Schritt in einer Entwicklung, die mit kleinen Satelliten begann und nun ins Zentrum der Telekommunikation vordringt.
Stell dir den Mobilfunkmarkt als Stadt mit wenigen, teuren Grundstücken vor – den Funkfrequenzen. Große Carrier sicherten sich über Jahrzehnte die besten Parzellen. SpaceX betritt die Szene mit Bargeld, einer Rakete und der Ankündigung, eine zweite Stadt in der Luft zu bauen. Starlink reicht nicht für Innenräume oder unter Bäumen. SpaceX braucht terrestrische Frequenzen, das C-Band-Spektrum, das Satelliten und Funkmasten nutzen.
Die Börse reagierte deutlich: Die Aktien von AT&T und Verizon fielen nach dem Bericht um jeweils rund vier Prozent, T-Mobile gab um etwa zwei Prozent nach. Investoren nehmen die Gefahr ernst. SpaceX-Präsidentin Gwynne Shotwell zeigte einem ausgewählten Investorenkreis ein Prototyp-Mobiltelefon, berichtete das Wall Street Journal. SpaceX will nicht nur Daten liefern, sondern direkte Sprach- und Mobilfunkdienste anbieten. Ein Gegensatz zu bisherigen Kooperationen, bei denen Starlink nur Lücken füllte.
Der Weg ist steinig. Die drei großen US-Mobilfunkanbieter gaben in zehn Jahren rund 110 Milliarden Dollar aus, um niedrige Frequenzen zu sichern. Sie sitzen auf einem Spektrum-Schatz. Elon Musk deutete im September 2025 in einem Podcast an, ein Kauf eines Carriers sei nicht ausgeschlossen. Ein solcher Deal würde Hunderte Milliarden Dollar kosten. Die etablierten Betreiber gelten nicht als Verkäufer.
Künstliche Intelligenz wird in diesem Zusammenhang oft übersehen. SpaceX‘ Pläne sind nicht nur Satelliten und Antennen. Der Aufbau eines konkurrierenden Netzes ist kapitalintensiv. Dieses Kapital saugt derzeit die KI-Industrie auf. Ein Insider sagte Semafor: „Ein Netzwerk aufzubauen erfordert kontinuierliche Investitionen in Türme und Spektrum – das zieht Kapital von Geschäften ab, die Anleger besser belohnen, vor allem KI.“ SpaceX muss sich entscheiden: KI-Kompetenz für effizienteren Netzbetrieb nutzen oder sich aus dem Telekom-Geschäft zurückziehen, wenn die KI-Blase platzt.
Die Antwort könnte in einer Finanzierungsstrategie liegen: SpaceX könnte neue Aktien ausgeben, um Auktionen zu finanzieren, ähnlich wie beim Kauf von Cursor in einem 60-Milliarden-Dollar-Aktiendeal. Musk sicherte sich bereits für 17 Milliarden Dollar Spektrumlizenzen von Charlie Ergens Echostar. Er hat eine Kostenbasis, die kein etablierter Carrier erreicht. Während Telekom-Chefs öffentlich starke Miene zeigen – AT&T-CEO John Stankey sagte, Starlink komme „sehr spät in eine bereits etablierte Industrie“ –, geben sie hinter vorgehaltener Hand zu, dass Musk es billiger kann.
Rohan Goswami schreibt in seiner Analyse: „Man bekommt sie in ihren Vier-Augen-Gesprächen dazu, zwei Tatsachen anzuerkennen: Musk kommt tatsächlich für ihr Geschäft, und er kann es viel billiger.“ Musk ist der einzige CEO, der theoretisch ankündigen könnte, 100 Milliarden Dollar frisches Eigenkapital zu emittieren, um Telekommunikationsunternehmen in Auktionen zu übertrumpfen, und dessen Aktie danach steigen würde. Dieses Anlegervertrauen haben die Carrier nicht.
Was bedeutet das für Nutzer? In einigen Jahren sucht dein Handy nicht mehr zwischen verschiedenen Netzen, sondern verbindet sich automatisch über Starlink-Satelliten und bodengestützte SpaceX-Antennen. Latenz wäre niedriger, Abdeckung lückenloser. Preise für Mobiltarife könnten sinken. Vielleicht schließt du ein Abo bei SpaceX ab statt bei deinem alten Anbieter.
Auch regulatorische Hürden sind hoch. Die C-Band-Frequenzauktion findet erst nächstes Jahr statt. Ob SpaceX die Zulassung für terrestrische Dienste erhält, ist unklar. Carrier werden mit Lobbyarbeit und juristischen Mitteln gegensteuern. Der Aufbau eines eigenen Mobilfunknetzes könnte selbst SpaceX überfordern. SpaceX selbst beziffert im IPO-Prospekt den adressierbaren Markt von Starlink Mobile auf 740 Milliarden Dollar – eine Zahl, die GSMA Intelligence für bis zu 50-fach überzogen hält und stattdessen bei rund 15 Milliarden Dollar pro Jahr ansetzt. Für Starlink insgesamt erwarten Analysten in diesem Jahr etwa 15 Milliarden Dollar Umsatz, auf das Mobilgeschäft entfielen im ersten vollen Jahr aber nur gut 600 Millionen Dollar – und mehr wird daraus nur, wenn SpaceX die letzte Meile in den Städten meistert.
Die KI-Komponente ist ambivalent. SpaceX könnte maschinelles Lernen nutzen, um Verkehrsströme zwischen Satelliten und Bodenstationen zu optimieren. Der KI-Boom zieht aber Kapital aus dem Telekomsektor ab. SpaceX investiert stark in KI für autonome Satellitensteuerung oder Netzanalyse. Das könnte ein Wettbewerbsvorteil sein – wenn KI nicht zur Geldverbrennungsmaschine wird.
Elon Musk hat Branchen auf den Kopf gestellt: Automobilindustrie, Raumfahrt, Zahlungssysteme. Telekommunikation ist sein nächstes Ziel. Der Kampf wird nicht über Nacht entschieden. Carrier haben tiefe Taschen und politischen Einfluss. SpaceX hat die Fähigkeit, Kapital zu extrem niedrigen Kosten zu beschaffen und Technologie neu zu denken. Die nächsten ein bis zwei Jahre werden zeigen, wohin das führt. Das Monopol der großen Drei bröckelt. Am Ende könnten alle von besserer, günstigerer Konnektivität profitieren – auch wenn der Weg durch Spektrumauktionen, KI-Investitionen und milliardenschwere Übernahmeschlachten führt.
Quelle: semafor.com
