Ein Bauprojekt soll in elf Tagen fertig sein. Der Chef sagt 165.000 Euro, eine Maschine. Vor Ort kein Dach, keine Fenster, dafür Drohnen und Arbeiter. Sechs Wochen später kein Einzug. So ähnlich läuft der Bun-Rewrite in Rust im Juli 2026.
Am 8. Juli 2026 kündigte Jarred Summner den Rewrite in Rust an – mit Claude Code. Elf Tage, zwischen dem 3. und 14. Mai, sei der Rewrite abgeschlossen und in den Hauptzweig gemerged. Die API-Kosten bei Anthropic: 165.000 US-Dollar. Das sind 15.000 Dollar pro Tag.
Die Zahl klingt groß. Hält sie Prüfung stand? Ein Beobachter mit KI-Hintergrund prüfte die Behauptungen. Nüchtern: Bis zum 27. Juli 2026, sechs Wochen nach dem angeblichen Abschluss, gab es kein Release-Tag. Ungewöhnlich für Bun, das normalerweise alle paar Wochen ein Release liefert. Elf Wochen Pause – eine der längsten seit 2022.
Die offenen Rechnungen der KI
Der Beobachter klonte das Repository und sah viele offene Pull-Requests. Am 9. Juli 2026 zählte er 1.277 offene PRs von „Robobun“ – einem Bot, der PRs auf Basis von Claude Code generiert. Am 27. Juli waren es 2.475. Die KI arbeitete weiter.
Weiter: Der Blog nannte nur die API-Kosten. CI/CD-Kosten fehlen. Das Dashboard zeigt: Builds laufen ununterbrochen. Jeder Durchlauf dauert 40 bis 90 Minuten. Alle PRs durchlaufen? Geschätzt 86 Tage Betrieb. Diese Kosten nicht in der 165.000-Dollar-Summe.
Außerdem: Anthropic-Mitarbeiter beteiligt. Commit-Daten zeigen, dass ihre Beteiligung an Rust-Code zunahm. Viele PRs tragen Commit-Namen von Anthropic-Entwicklern. Der Beobachter vermutete: Auch Jarred Summner nutzte Claude während des Rewrites. Die Daten zeigen einen Spike an KI-generierten Commits in jener Zeit.
Die versteckten Kosten
Rechnet man realistisch, ergibt sich ein anderes Bild. Der Beobachter rechnete vor: Bei täglichen Kosten von 10.000 Dollar nach dem initialen Rewrite – für Claude und CI – nähert man sich nach sechs Wochen 800.000 Dollar. Konservativ geschätzt, denn die Zahl offener PRs deutet darauf hin, dass die Maschine weiterläuft.
Bun ist ein Open-Source-Projekt, übernommen von Anthropic. Anthropic investiert stark in KI, die Bewertung hängt an den Fähigkeiten seiner Modelle. Der Rewrite dient auch als Marketing. Ähnliche KI-Rewrites – ein C-Compiler und Cursor mit FastRender-Webbrowser – zeigen seit Monaten keine neuen Commits. Sie sind offenbar eingestellt.
Ein Déjà-vu der Hype-Kultur
Der Beobachter arbeitet seit Jahren im Bereich Machine Learning. 2015 erklärte er dem Management, dass lineare Algebra bessere quantitative Ergebnisse liefert als Menschen. Man traute nicht. Heute will das Management alles mit KI betupfen. Bewertungen hängen daran, dass KI alles frisst.
In diesem Klima: genau hinschauen. Der Bun-Rewrite ist ein Paradebeispiel. Auf den ersten Blick ein Triumph der KI, bei näherer Betrachtung eine Baustelle mit unklarem Fertigstellungstermin, steigenden Kosten und Personaleinsatz von Anthropic. Frage: Wirklich abgeschlossen? War das Geld wert? Analyse: Ernüchternd.
Fazit: Noch lange nicht fertig
Nicht blind vertrauen. Die Technologie ist mächtig, aber kein Zauberstab. Offene PRs, fehlende Releases, CI-Kosten zeigen: Der Rewrite ist ein fortlaufender Prozess, der mehr Zeit und Geld kostet als die erste Ankündigung vermuten ließ.
Unternehmen und Entwickler: Kalkuliert die versteckten Kosten. API-Gebühren sind nur die Spitze. CI/CD-Aufwände, manuelle Überprüfung der KI-PRs, Integrationstests und Code-Churn vervielfachen die Gesamtkosten. Seid skeptisch, wenn eine Erfolgsgeschichte zu gut klingt – besonders, wenn die Bewertung davon abhängt.
Die Frage bleibt: Sind wir fertig? Nein, noch lange nicht. Keine Release-Tags, Tausende offene PRs, ständig laufende Pipelines. Der Hype um KI darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass echte Softwareentwicklung mit all ihren Unwägbarkeiten nicht verschwindet. Sie wird nur anders – und manchmal teurer.
Quelle: lockwood.dev
