KI-Technologie: Das Gerücht um Anthropic und Physical Intelligence – mehr als nur ein Twitter-Sturm

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Ein Gerücht machte auf dem Schulhof die Runde: Der größte Junge will den besten Roboterbauer kaufen. Niemand wusste, ob es stimmt. Ähnlich verhält es sich gerade in der KI-Welt. Am Wochenende verbreitete sich auf X (ehemals Twitter) das Gerücht, Anthropic – Entwickler des Sprachmodells Claude – wolle das Robotik-Startup Physical Intelligence übernehmen. Der Hype war stark, selbst CEO Hausmans vorsichtiges Dementi konnte ihn nicht stoppen. Was ist dran? Und warum ist das relevant für uns, die täglich mit KI arbeiten? Hier sind die Hintergründe eines Deals, der die Robotik verändern könnte.

Auslöser war ein Blogbeitrag von Connie Loizos auf TechCrunch. Die erfahrene Silicon-Valley-Journalistin beschreibt, wie ein Post des Tech-Bloggers Robert Scoble auf X die Diskussion auslöste. Scoble behauptete, Anthropic stehe kurz vor der Übernahme von Physical Intelligence. Das Startup, vor zwei Jahren gegründet von Lachy Groom, ehemaligen Google-Forschern und Stanford/Berkeley-Professoren, hat über eine Milliarde Dollar eingesammelt. Es entwickelt mit π0.5 eines der meistgenutzten Roboter-Gehirne in der Forschung. Die Nachricht verbreitete sich schnell, auch nachdem CEO Karol Hausman per Slack ein Dementi schickte. Laut Loizos gab es aber tatsächlich Gespräche im Frühjahr, wie „The Information“ berichtete. Scoble irrte nur im Timing.

Warum ist diese Übernahme so wichtig? Ein Blick auf die strategische Lage: Anthropic und OpenAI, die beiden führenden KI-Unternehmen, bereiten sich auf Börsengänge vor. Anthropic reichte am 1. Juni einen IPO-Antrag ein, OpenAI eine Woche später. Es könnten zwei der größten Börsendebüts in den USA werden. Im Wettlauf um Marktanteile und Investorengelder geht es nicht nur um Sprachmodelle. Es geht um die nächste Stufe: Superintelligenz. Robotik spielt dabei eine zentrale Rolle. Viele Experten glauben: Echte Superintelligenz entsteht nicht nur aus Internettexten. Sie braucht ein Verständnis der physikalischen Welt – Bewegung, Interaktion, Bruch. Robotik ist der Schlüssel.

OpenAI machte diese Erfahrung bereits. Früher baute es eine Roboterhand, die einen Zauberwürfel löste, schloss 2021 aber die gesamte Robotik-Sparte. Mitbegründer Wojciech Zaremba erklärte, dem Ansatz habe das nötige Verständnis für echte Superintelligenz gefehlt. 2024 kehrte das Team zurück, baute ein humanoides Robotiklabor in San Francisco auf. CEO Sam Altman machte Ende Mai offiziell: „OpenAI Robotics“ stellte ein und kündigte Roboter für Infrastrukturarbeit als kurzfristiges Ziel an, langfristig einen persönlichen Roboter für jeden. Anthropic dagegen hat kein vergleichbares Hardwarelabor. Stattdessen veröffentlichte die interne Gruppe Sicherheitsstudien. Im November testete Project Fetch, wie gut Claude Nicht-Experten beim Programmieren eines Roboterhundes half. Eine zweite Phase im Juni ergab, dass ein neueres Modell die Aufgaben etwa 20-mal schneller erledigte als das beste menschliche Team mit Claude aus dem Vorjahr. Ein Kauf von Physical Intelligence würde Anthropic Jahre an Forschung und Entwicklung ersparen – und den direkten Einstieg in die physische KI-Ebene ermöglichen.

Es gibt einen Haken. Physical Intelligence hat eine Investorenliste, die der von OpenAI ähnelt: Khosla Ventures, Thrive Capital und Founders Fund. Letzterer ist auch ein großer OpenAI-Investor und war an den jüngsten Finanzierungsgesprächen beteiligt. Noch wichtiger: OpenAI selbst ist Investor bei Physical Intelligence. Das bedeutet: OpenAIs größter Rivale wollte ein Unternehmen kaufen, an dem OpenAI beteiligt ist. Das wirft Fragen auf: Hat OpenAI bei seiner Investition Informationsrechte oder ein Vorkaufsrecht bekommen für den Fall eines Verkaufs an einen Wettbewerber? Solche Klauseln sind bei strategischen Investoren üblich. Sollte Physical Intelligence zum Verkauf stehen, könnte OpenAI den besseren Anspruch haben – bereits Aktionär, Groom nahestehend, und dabei, Anthropic in der Robotik zu übertrumpfen. Loizos fragte OpenAI, erhielt aber keine Antwort.

Was bedeutet das für uns? Die Gerüchte um Anthropic und Physical Intelligence sind kein belangloses Silicon-Valley-Gerede. Sie zeigen, wohin die KI-Reise geht: weg von reinen Textwelten, hinein in die physische Realität. Wer heute KI nutzt – Chatbots, Bildgeneratoren, Sprachassistenten – wird morgen Roboter sehen, die von denselben Modellen gesteuert werden. Die Frage ist nicht mehr, ob KI die reale Welt erobert, sondern wann und von wem. Anthropic und OpenAI liefern sich ein Wettrennen um die nächste Milliarde Nutzer. Während wir über KI nachdenken, bauen die Firmen bereits die Infrastruktur: Roboter, die uns bald im Haushalt oder Straßenbau helfen. Die Investitionen in Robotik sind ein klares Signal: Die Zukunft ist digital und analog. Unternehmen, die diese Brücke schlagen, werden die nächste Dekade dominieren.

Wird Anthropic Physical Intelligence kaufen? Vielleicht, vielleicht nicht. Sicher ist: Die Gerüchte haben ein Fenster geöffnet. KI und Robotik sind untrennbar verwoben. Für uns als Beobachter und Nutzer heißt das: hinschauen, verstehen, mitreden. Die nächste Generation von KI-Anwendungen wird unsere Arbeit, unser Leben und unsere Interaktionen grundlegend verändern. Wenn wir verstehen, warum ein Twitter-Gerücht über einen Milliarden-Deal die Runde macht, verstehen wir auch, wohin die Reise geht.

Quelle: techcrunch.com

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Sebastian Krötzsch
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Sebastian Krötzsch

Sebastian Krötzsch schreibt auf sebask.de über Künstliche Intelligenz, Automatisierung, digitale Systeme und die Frage, was davon im Alltag wirklich nützlich ist. Ohne Buzzword-Nebel, dafür mit klarem Blick auf Praxis, Tools und echte Wirkung.